# 32 / permanent change – vor dem Lernen kommt die Angst

Dass durch vielfältige berufliche, örtliche, soziale Veränderungen gepresste Ich, dass sich auf jegliche Veränderung seiner Lage sich andauernd bereit hält, um flexibel seine empfangenen Treffer zu umschlingen, ist genötigt, die Löcher mit sich selbst zu stopfen und schreit sich zur steten Reformulierung, Erneuerung, Anpassung. Wenn das Pflaster zu klein oder kein Arzt der hilft, dann findet es irgendwann keine Beruhigung mehr, das ihm Gewohnte, das ihm Auf-gewöhnte, anerzogen Bekannte wieder im Neuen zu erkennen, weil ihm die Fäden zwischen seinem Erfahrungsraum und dessen Anwendbarkeit durch das auf ihn einstürzende Neuhinzukommende zerschnitten sind. Dann gräbt die Furcht vorm Verlassensein, vor dem aus der eigenen Geschichtskontinuität Heraus-geschleudert-werden Gräben zwischen dem gewussten – durch Erfahrung stabilisierten – Gestern und unbekannten Heute. Und darin wächst nichts, geht nichts hinein, unfruchtbar. Furchtbar. Ein Paradies für Datenbanken, denn sie können alles von Gestern, von mir wissen, aufzeichnen.
Die Wahrnehmung des Neuen durch den Schock der Veränderung, einen rekursiven Zweifel, vermag die Kontinuität des Gegenwärtig-seins als das Gewohnte „In-der-Welt-Sein“ aufbrechen1Vgl. Albert Zacher, in : Zur Tiefenpsychologie und Psychotherapie der Angstkrankheit, in: Das Phänomen Angst, stw 1148, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Seite 209, oder weicht einem „Vorbereitetsein“ (einer Erfahrungsresistenz) gegen das Neue, oder was an Schrecken noch lauert. Apathische Coolness: „ich habe keine Ahnung“, wird dann oft gesagt. Die distanzierte Beobachtung reicht nicht aus, das Neue, das erschreckend auftritt, in die Kontinuität der eigenen Erfahrung einzuordnen, zu integrieren. Das neu zu Erlernende als Anpassungsforderung markiert den Riss zwischen der biografisch eingebetteten Erfahrungskontinuität – was bisher als Gewusstes für das Leben ausreichte – und stetig wechselnder wie zustürmender Anpassungsforderung. In diesem Zustand stellt jede Veränderung unmittelbarer sozialer Umgebung die Person in Frage. Um sich der eigenen Erfahrung zu vergewissern, sie als identitäre Konstruktion zu behaupten, zu retten, wird mögliche, neue Erfahrung abgelehnt, aktiv abgewehrt. Diese Lern- bzw. Erfahrungsresistens ermöglicht eine Fixierung, einen Widerstand auf die gefürchteten, deshalb drohenden Veränderungen als hemmendes Areal: Das Neue ist der Feind, der die Person von ihrer Vergangenheit, von ihrem investierten Einsatz in die ehemalige Gegenwart trennen will. Die mögliche Zukunft ist eine Hemmung und wird nicht in neue Erfahrung transformiert, aufgelöst, stattdessen in Abwehr ausagiert. Diese Abwehr (Renitenz) gilt dem Ungewohnten, weil es die bisherige Erfahrung in Frage stellt. Es ist das Nicht-Eingeständnis, das Nicht-zu-geben-können, dass die bisherige Erfahrung nicht als Reaktionsraum für das Neue, Ungewisse ausreicht. Alle gemachte Erfahrung, gelebte Biografie scheint zu nichte. Man reicht nicht aus und mag es nicht zugeben. Die langsame, mühsame und deshalb gewohnte, die sonst übliche Bewegung… ist durch den Erfahrungsschock eine behindernde Bewegung geworden und sie wird in dessen Abwehr gänzlich still gelegt, eingefroren.

 

CHOR
FATZER KOMM

I
Verlaß deinen Posten.
Die Siege sind erfochten. Die Niederlagen sind
Erfochten:
Verlaß jetzt deinen Posten.

Tauche wieder unter in der Tiefe, Sieger.
Der Jubel dringt dorthin, wo das Gefecht war.
Sei nicht mehr dort.
Erwarte das Geschrei der Niederlage dort, wo es am
lautesten ist:

In der Tiefe.
Verlaß den alten Posten.

Ziehe deine Stimme ein, Redner.
Dein Name wird ausgewischt auf den Tafeln. Deine
Befehle
Werden nicht ausgeführt. Erlaube,
Daß neue Namen auf der Tafel erscheinen und
Neue Behehle befolgt werden.

(Du, der nicht mehr befiehlt
Fordere nicht zum Ungehorsam auf!)
Verlaß den alten Posten.

Du hast nicht ausgereicht
Du bist nicht fertig
Jetzt hast du die Erfahrung und reichst aus
Jetzt kannst du beginnen:
Verlaß den Posten.

Du, der die Ämter beherrscht hat
Heize deinen Ofen.
Du, der nicht Zeit hatte zu essen
Koch dir Suppe.
Du, über den vieles geschrieben ist
Studiere das ABC.
Beginne sofort damit:
Beziehe den neuen Posten.

Der Geschlagene entrinnt nicht
Der Weisheit.
Halte dich fest und sinke! Fürchte dich! Sinke doch!
Auf dem Grunde
Erwartet dich die Lehre.2Bertolt Brecht, Der Untergang des Egoisten Fatzer – Bühnenfassung von Heiner Müller, edition Suhrkamp 1830, Neue Folge Band 830, Erste Auflage 1994, © Stefan S. Brecht 1967, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Seite 116 f

 

 

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