# 33 / Collage und Zitat – Geschichte und Kunst

15.08.2021

Der Sinnes-Schock, das Seherlebnis, die Irritation als eine Funktionsreserve in der künstlerischen Arbeit begreifen, um einen Bewegungsspielraum für neue, ungeprobte (technische, formale) Annäherungen zu testen.
Ein künstlerischer Stil, ein handling, ein Brand, eine Handschrift von Künstler, Künstlerin XYZ scheint dagegen eine Art ästhetische Renitenz zu sein, die die Erfahrungsphönomene (die soziale Umgebung) in gewohnter ästhetischer Manier abarbeitet. XYZ antwortet auf neue Umgebungen mit einem eingeübten ästhetischen Formengebrauch und reagiert nicht oder reagiert mit gewohnten Form-Monövern, verweigert eine „ästhetische Anpassung“. Denn was bedeutet eine artifizielle Aufarbeitung von Un-Erfahrung mit gewohnten technischen Konzepten anderes als stilistische Erstarrung, wenn sie lediglich mit gewohnten, eingeübten malerischen, konzeptuellen Mitteln auf die Totalität schockhafter Veränderungen reagiert? Die Abwehr manifestiert sich ästhetisch im alten, angewöhnten Formgebrauch: könnte man sagen. Oder steckt genau darin der Versuch, das Neue, das unbekannte Phänomen auf ein formales Gebaren, auf einen ästhetisch abbildbaren Konsens (Handlungsraum) wieder zurückzuführen und damit in Bewegung zu halten? Es bleibt erstmal nur der Versuch, das Unbekannte, das Neue, die ungewohnte (sinnliche) Erfahrung in alten, vertrauten Vokabeln neu zu vermessen.
Durch die Montage „unzweck­mäßiger“ Gegenstände wie in der Collage, dem ready-made oder anderer formaler Narrative kann ein neuer Kontext etabliert werden, ein Erkenntnis-Schrecken – ein unerhörter Moment – hervorgerufen werden, der ästhetische Interessen provoziert und anspricht. Das Herausreißen von Formen aus ihrem angewohnten Gebrauch – wir denken an das Urinal, das Duchamp 1917 ausgestellt hat – ist stets ein Herausreißen aus ihrem historischen Umfeld. Das Zitieren einer Form, eines Gegenstandes, eines Bildes markiert den Bruch, eine Trennung von seinem geschichtlichen Zusammenhang. Kunst machen heißt also auch Kunst zietieren.1vgl. Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften, Band V-1, Hrgb. Rolf Tiedemann, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 1991,suhrkamp taschenbuuch wissenschaft 935, Seite 595, N 11, 3 Die provozierte schockhafte Montage von Formen, Gegenständen, von historisch bzw. sozial verbürgten Zitaten, erfordert wie ermöglicht geradezu das Herausreißen aus ihren gewohnten Kontexten.

2Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften, Band V-1, suhrkamp taschenbuuch wissenschaft 935, Seite 595

 

Die aus alten Gebräuchen neu herausgeschnittenen, inszenierten Formen gewinnen eine ästhetische Sprengkraft aufgrund ihrer Losgelöstheit von ihrem bis dato gültigen Kontext. Künstlerische Montage-Technik als formale Korrumpierung von Geschichte brüskiert die Beobachter, reißt sie aus ihrem historisch-erfahrungsmäßigen Kontext. Die entfesselten Montage-Akte können durch ihre nackten, noch interpretationsfreien Tatsachen aus sich selber treten, wenn es methodisch vermocht wird, “die Bedeutung einzig durch schockhafte Montage des Materials hervortreten zu lassen.“3T. W. Adorno, in: Über Walter Benjamin, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, Erscheinungsjahr: unbekannt, Hrsg. Rolf Tiedemann, Seite 26 Aus den schroffen qualitativen Differenzen der Materialien (Formen) zueinander und den provozierten Analogien quillt genug Stoff zur Konfrontation mit den besetzten Gebieten, Begriffen usw.4„Ja in der Analyse des kleinen Einzelmoments den Kristall des Totalgeschehens zu entdecken.“ Walter Benjamin, in: Das Passagen Werk (= DPW), stw 935, Seite 13 Dass die kognitiv strukturierte Erfahrung „demnach auf der Gabe beruht, Ähnlichkeiten zu produzieren und wahrzunehmen“5Rolf Tiedemann in der Einleitung: Walter Benjamin, Das Passagen Werk, Band V – 1, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 1991, stw 935, Seite 18– was wiederum zu weiteren Ereignisbeschreibungen inspiriert – steht einer planbaren Wirkung von artifiziellen Provokationen entgegen. Gelingt es nicht, die Gewohnheit im Erfahrungmachen zu überwinden, so läuft das Bestreben nach Gewissheit auf ein Gewohnheitsargument hinaus. Die Kreativität besteht darin, Ebenenübegreifend permanente Analogien zu bekannten, gewohnten Abbildern, Vorbildern zu finden. Die Rückführung der unmittelbaren Phänomene auf vermeintliche, vorausgesetzte Kontexte zu bekannten künstlerischen Positionen, also inszenierte, sozial kontextualisierte Ähnlichkeiten, steht der voraussetzungslosen Neugier des Rezipienten, Beobachters entgegen. Diese absichernde Routine der Verweise (Kontexte) auf Bekanntes verschafft Ruhe vor der noch ungewohnten sinnlichen Provokation und könnte als Verteidigung von Beschreibungsnarrativen beschrieben werden, als eine (Angsthafte) absichernde Ruhe vor sinnlichen Extravaganzen. Stets wieder bei sich, dem Bekannten, dem common sense, den schon vorhergebrachten Erfahrungen, abgesicherten Kontexten anzukommen, scheint ein Elixier zeitgenössischer wie prekärer Kunstredeschreiber zu sein. Alles und jede Neuigkeit wird analogisches Material, das auf die Anpassung an schon Gewußtes, Gesehenes geprüft wird. Diese Hyperkontextualiesierung erzeugt einen nivellierenden Erfahrungsraum: In einer Art Horoskop werden nach allen Seiten Deutungen empfohlen, um in allem sich als Beobachter seiner zugemuteten Anpassung mit bekannten, vertrauten Mustern zu versichern und (wieder) zu erkennen. Die Motivation dieser Beschreibungskultur rekuriert auf der Produktion von konstruierten Analogien, Ähnlichkeiten, d. h. sie überhaupt zu finden, zu assoziieren oder zu postulieren: Thomas Scheibitz und Picasso oder: Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson. Und von hier aus muß man nochmal springen: diese gefunden sinnliichen Wirklichkeiten aufeinander los zu lassen.

 

 

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