# 34 / Träumen mit Walter Benjamin

Bei Walter Benjamin gehören die Methode der Montage und die Inszenierung des Traumes, in dem abrupt arrangiert-montierte Zitat-Materialien des Erelebens erscheinen, zusammen: Gedanken als Bilder oder Bilder, Dinge als mögliche Darstellung von Gedanken, Erinnerungen. In der Montage, also in der Isolierung gewohnter Bilder zu Bruchstücken von sinnlichen oder historischen Verweisen, in der konstruktiven Zwangsverklebung konkreter Phänomene (Dinge, Gerüche, erinnerte Ereignisse), wird das montierte Material ver-träumt, neu verklebt, versinnlicht: Die neu arangierten Teile, Formen, Gegenstände… werden aus der Patina ihrer herkömmlichen (biografischen) Verwendung – aus ihrem bisherigen Kontext – heraus-gezogen und assoziativen, spontanen Überlegungen, (Traum-) Erlebnissen zugänglich gemacht: Eine Idee zu haben, ist ähnlich einem Traum: Du assoziierst Gestalten und hoffst darauf, sie in eine eigene Ausdrucks-Realität zu übersetzen, um sie für dich sprachlich verlebendigen zu können. Der methodische – ästhetische – Trick, die Wirklichkeit in den Traum, in ein Traum-Ideengeflecht zu heben, hofft darauf, die erinnert-geträumte Welt der gewöhnten Kontexte in einem neuen Traum-Kontext als pur, nackt wieder vor- und nachzuerzählen und damit zu rekonstruieren, was durch Alltäglichkeit oder in alltäglicher Welt als vergessen galt. Es gilt „mit der Intensität eines Traumes das Gewesene durchzumachen, um die Gegenwart als die Wachwelt zu erfahren, auf die der Traum sich bezieht.“1Walter Benjamin, in: Das Passagen-Werk, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1982, Erste Auflage 1991, Fünfter Band, Erster Teil, Hrsg. Rolf Tiedemann, Einleitung des Herausgebers, Seite 20  In der traumatischen Wiederholung des Alltäglichen steckt Erkenntnisgewinn: die träumerische, vielleicht traumatische Wiederholung der Erlebnisse ist als eine Übung zur biografischen Konstruktion zu verstehen, wartend auf den Nerven-Kick. Im Augenblick des Erwachens kommt die Hoheit der Gegenwart als Rechtfertigung gegenüber durchlebter Vergangenheit zum Vorschein.2vgl. Walter Benjamin, in: Das Passagen-Werk, ebenda, Seite 608 Die möglichen Kontexte, die willkürlich aufgeworfenen Sequenzen des Traums werden als Botschaft, Hypertext in eine beiläufig interessante Alltagspsychologie eingebaut. Verstörende Träume kommen nicht ohne die Reflexion auf die Praxis ihrer Veröffentlichung aus: Ich versuche, mir alle Vorgänge (in Bildern) nachzuerzählen. Die Praxis des Traumes besteht gerade darin, sein Veröffentlichtwerden, im Sich-selber-Nacherzählen zu reflektieren. Befreit vom Begriffsstaub der zwar wach, aber bewusstlos, schlafend erlebten Wirklichkeit, können die (montierten) Dinge, Begriffe, Ereignisse der Traumdeutung, bzw. einer neuen – die Trauminhalte assoziierenden – gestalterischen Ordnung unterzogen werden. Die aus dem Traum geborgenen Dinge, Geschichten sind von ihrem gewöhnlichen Gebrauch befreit und oder neuen Geschichten ausgeliefert. Alles Mögliche ist im Traum möglich. Die (psychoanalytisch) geschulte Neugier, hinter dem geträumten Material etwas wie die Wirklichkeit Entlarvendes zu vermuten – was der Alltag nicht leicht verrät, legt das Erträumte frei –, birgt das verträumte, so montierte Material vor seinem Verschwinden und stellt es als geschichtliches, biografisches Material par excellence auf. Verkrustung und Vergessen aufbrechend. Die Dinge, Produkte als vergegenständlichte Geschichte, die gemacht wurde, welche die Menschen aber nicht mehr kennen, weil sie sie vergessen haben,3„Dem bewusstlosen Tun des träumenden Individuums ist die Geschichte unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen jedenfalls darin vergleichbar, dass sie zwar von Menschen gemacht, aber ohne Bewusstsein und Plan [scheinbar], gleichwie im Traum, gemacht wird.“ Rolf Tiedemann in Walter Benjamin, in: Das Passagen-Werk, Einleitung des Herausgebers, ebenda, Seite 17, Einfügung von mir sind im doppelten Sinne traumatisch zu qualifizieren.4In der zur Absolutheit gesteigerten Entfremdung der menschlichen Welt gegen sich selbst (auftretend als Vergegenständlichung, Verdinglichung, Instrumentalisierung usw.). lauert eine pathologische Umkehr des Erwachens: das „plötzlich“ eines Tages alles fremd erscheint. Aufwachend in einen bösen Traum hinein: Die Wirklichkeit. Hier bleibt die Dialektik des Träumens dem Erwachenden verschlossen. Die lebendig eingeholte entwirklichende Wirklichkeit im Traum, wird durch die Zuversicht im Traum selber, das es Traum ist, was darin als Träumender beobachtet werden kann, wieder in den eigenen Diskurs geholt, gegenwärtig gemacht.5„Die wahre Methode, die Dinge sich gegenwärtig zu machen, ist, sie in unser[m] Raum (nicht uns in ihrem) vorzustellen… Die Dinge, so vorgestellt, dulden keine vermittelnde Konstruktion aus >>großen Zusammenhängen<<.“ Es gelte beim Angesichtigwerden (großer vergangener) Dinge, sie in unserem Raum zu empfangen. „Nicht wir versetzen uns in sie, sie treten in unser Leben.“ Benjamin, DPW, Fünftes Buch, Erster Band, Seite 273 Der Traum ist eine erlebte Einheit aus Existenz und deren Beobachtung. Der Traum macht möglich, was im Wachen sonst als psychotisch gilt: Existent sein (etwas tun) und zugleich es als Beobachter 2. Ordnung zu beschreiben. Es gilt die Träume durchs Erwachen in die Wirklichkeit zu holen, durchs Erwachen sind sie zu verwirklichen = zu konstatieren. In der Wahrnehmungsnach­bildung des Traumes – ich erzähle mir am Morgen, nach dem Erwachen, was ich geträumt habe – wird wiederholt, was der Durcharbeitung harrt: Also der Versuch, das im Traum Erlebte in die selbstische Konstruktion eigener Wirklichkeit einzubauen. Der Traum als Einlösung der angelegten, aber nicht zum Zuge gekommenen Ideen-Wirklichkeit, als Sehnsuchtsort – ICH kann a posteriori entscheiden, wohin mich der Traum führt.
Utopie hängt wesentlich damit zusammen, die Gegenwart träumerisch, träumend gegen den Strich zu bürsten und „träumend auf das Erwachen hinzudrängen.“6vgl. Benjamin, DPW, Seite 59 Die Werft der eigenen Biografie ist der Traum: er gestattet im Schock des Erwachens, glimpflich aus dem Vergangenen heraus zu kommen. Dort, wo die träumende Erinnerung einkehrt und Erzählweisen über das Geträumte anbietet, findet die Vorstellung, die Imagination über sich selbst ihren süßlichen Hafen. Die Sehnsucht nach der zum Guten geschliffenen Vergangenheit, fordert gewisser­maßen ihre Wiederherstellung. Die in Träumen gekennzeichnete Haltung zu Personen, Orten, Geschichten etc. beschreibt weniger ein Status, ein zu erreichendes Ziel, sondern die Differenz zu ihm.

 

 

 

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