# 36 / Lieben als Abhängigkeit, Gefühle als evolutionäre Simulation

Variante 1: Dieses „Alles für den Anderen zu geben“ („Ich lege die die Welt zu Füßen…, um dich ein einziges Mal zu küssen“, Nena), oder eben „alles haben zu wollen“ („Ich will alles und zwar sofort…“ Gitte Henning), was nur die andere Seite des Stücks, – so oft besungen, beschworen beschlagert – zeigt vorweg einen in Kauf genommenen Verlust, eine freiwillige Herausgabe von Ich-Teilen, von eigenen Kontroll-Bereichen an. Wie zum Trotz gegen sich, gegen die ungenügende Selbstliebe – zu schwach sich selbst zu lieben, wirft man sich vor andere Füße. Als gelte es, die Selbst-Unterwerfung gegen sich wiederholt am Anderen abzugelten oder gern anzubieten, dienend: mit den eigenen Schwächen und eingeübten Bedürftigkeiten.

Variante 2: Die Abhängigkeit vom narzisstischen Körper, die Bedürftigkeit nach sich selbst, braucht die Hülle des Spiegels, die Haut ein Spiegel, die der Andere mit jeder Pore bereithält. Das Liebesopfer für sich selbst – sich selbst mehr zu lieben als den Anderen – braucht einen Zeugen. Hier wird die eigene, liebende Person im Liebesver­hältnis aus sich heraus, weg von sich abgearbeitet.1„In der Welt des Tausches hat der Unrecht, der mehr gibt; der Liebende aber ist allemal der mehr Liebende. Während das Opfer, das er bringt, glorifiziert wird, wacht man eifersüchtig darüber, daß dem Liebenden das Opfer nicht erspart bleibe. Gerade in der Liebe selber wird der Liebende ins Unrecht gesetzt und bestraft. Die Unfähigkeit zur Herrschaft über sich und andere, die seine Liebe bezeugt, ist Grund genug, ihm die Erfüllung zu verweigern. Mit der Gesellschaft reproduziert sich erweitert die Einsamkeit. Noch in den zartesten Verzweigungen des Gefühles setzt der Mechanismus sich durch, bis Liebe selber, um überhaupt noch zum andern finden zu können, so sehr zur Kälte getrieben wird, daß sie über der eigenen Verwirklichung zerfällt.“ Adorno, Horkheimer, in: Dialektik der Aufklärung, Fischer Verlag, Seite 80  Wie aus Überfluß mit sich selbst wagt man die Lehre des Anderen? Aus Mangel an Liebeserfüllung mit sich wirft man sich vor neue Spiegel, zu neuen Angesichtern, um bekannte Verluste zu bezeugen! Das hungrige Ich kann nicht gestillt werden – nicht mit den eigenen Schwächen, Abhängigkeiten. Jede körperliche Anteilnahme bedeutet doch, Teile vom Ich zu geben, herauszurücken, um den Austausch der Bemächtigungszonen mit dem Herrscher, der Herrscherin einzuleiten, endlich den Verlustrausch zu feiern. Der physisch und psychisch in Wortkleidern versteckte Terror kommt später: In der abhängigen – toxischen – Beziehung. Das Gefühl, sich nicht als angenommen zu bekommen – im Begriff des Mangels nach dem Anderen ausgedrückt – ist stärker, als sich zu verlieren oder sich selbst (mit den eigenen Defiziten) anzunehmen. Was die Eltern nicht als Selbstverständnis des Geliebtseins aufbrachten, ist die Wunde. Ich höre oft sagen: Ich möchte geliebt werden, wie ich bin. Aber erst, wenn du geliebt wirst, kannst du sein, wie du bist.

Variante 3: Die fatale, aber praktikable Vorstellung, den Begehrten, Geliebten eng an sich zu fesseln, im eigenen Körper zu verstecken, damit der geliebte Mensch zum erfühlbaren Teil des eigenen Körpers werden kann, als Objekt ihm förmlich anhaftet, mit ihm verhaftet, internalisiert ist und den Angefesselten tatsächlich beeindruckt, erzeugt ebenso eine Angst vor dem Verlust oder Abfall des körperlich eingemeindeten, geliebten Areals. Das liebende Wesen ist ein teilendes Wesen. Das geliebte Wesen kann sich fragen, was es geben kann oder will: „Was willst Du von mir“.
Das, was als Projektion des eigenen Begehrens am Begehrens-Objekt vorweggenommen, vorgezeichnet wurde – selbst der Erfüllungsort des Begehrens des anderen Menschen zu sein – wird im Falle des Scheiterns, der andere begehrt den Begehrenden nicht, am eigenen Leib praktisch nach- oder eingeholt. Es beginnt der Hass gegen die eigene Schwäche, Bedürftigkeit, einen anderen begehrt zu haben ohne die Gewissheit, Hoffnung, sich selbst als liebenswert zu empfinden – also sich nur der hoffenden Projektion ausgeliefert zu haben. Die bedürftige Psyche schlägt in Organität, in pathologisch gewordenes Leiden um: die psychischen Dellen werden sprachliches Organ: Selbst-Zweifel tarnt sich als Melancholie macht sich breit, eine Trauer um das verlorene Objekt vielleicht in der Lyrik. Das körperliche Ergriffensein weicht in einen sprachlich verkürzten Bedeutungsraum aus, in eine sinnlich überschießende Anschlussfähigkeit, die eine Verlustanzeige markiert. Endlich: Das Gefühl unvollständig zu sein, befördert die Verklumpung der Anhängsel, verrührt die ungefüllten Leerstellen des Bedürfnisses nach Zuneigung zum ästhetischen (sprachlichen) Haufen, eingeleitet von der Erfahrung, unvollständig gemacht geworden zu sein: Der andere Mensch hat die eigene Leere gezeigt (erzeugt). Der so eingeholte körperlich sich suchende, sich ausdrückende Mangel an Aufmerksamkeit im Liebesschmerz ist zumindest durch die räumliche Nähe – der Schmerz bleibt bei dir, du bist der Schmerz – abgeschwächt. Der Schmerz will behalten sein. Die sich körperlich ausdrückenden Liebes- und Erfahrungszustände, die sich als körperlich empfundener Verlust der Liebes-Erfahrung breit machen, treiben den klagenden und beklagten Körper zu ausgleichenden Wucherungen. Phantomschmerz oder künstlerische Liebessehnsucht. Hier irgendwo der Umschlagplatz der Liebes- oder Hassgefühle in ästhetische Bewältigungsformen: Expression. Die Aggressionslust gegen das sich wehrende Liebesobjekt scheint natürlich, denn das vereinnahmte, versteckte Liebesobjekt gilt es zu verteidigen wie sich selbst. So von sich losgelöst, außer sich – unvollständig – verteidigt der Mensch nur sich selbst, indem er den anderen Menschen in sich unterdrückt und nicht losläßt. Das „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ ist hier destruktiv: Liebe ihn erst, nachdem du ihn verschluckt hast, dann verteidige ihn sosehr er deine Nahrung ist. Das terroristische Verhalten gegen das eigens zur Liebe gewünschte, begehrte Objekt drückt diese erlebte Unvollständigkeit aus. Im Nicht-Vollzug des Begehrens entwickelt sich ein gewalttätiges Verhalten – auch selbstzerstörerisch – gegen das Liebes-Objekt. Das Liebes-Objekt ist Subjekt im Subjekt geworden. Das Objekt der Liebe, des Begehrens hat den liebenden Körper als Platz, Areal, ja Objekt ergriffen – er ist Objekt der (unerfüllten) Liebe geworden, nicht Herr seiner selbst. Das (objekthafte) Begehren ist in seinen Körper zurückgekehrt. Es ergreift ihn, stürzt fremd und unerklärlich auf ihn ein. Man könnte sagen: Der von Liebe besetzte Körper verlässt sich (geht außer sich), sobald er von Liebe besessen ist. Vom >Objekt< sprechend, befinde ich mich bereits in der Veräußerung des eigenen Begehrens zu einem Objekt hin, dem sich das Begehren ausliefert, aber – wie wir wissen – das Objekt des Begehrens ist der Begehrende selbst.
Die Bildung von Ersatzobjekten des Begehrens – also die Konstruktion einer Zuwendung auf ein Mensch-Objekt ohne dass dieses von seinem Begehrt-Werden erfährt – folgt der immanenten Differenz zum uneingelösten Begehren, das keinen menschlichen Ansprechpartner findet. Wenn aus der Differenz von Begehren und mangelnder Erfüllung sich nichts oder keine Liebe gründen lässt, wird wohl die Projektion auf begehrenswerte Objekte, die Differenz zur Nicht-Liebes-Praxis, als Differenz zur liebenswürdigen Liebe den Körper ausfüllen. Ein Riesenmarkt für Sehnsüchte aller Art gewährt dieser Differenz Aufschub (die Kunst, das Pornografische, die Mode, der Konsum). Das menschliche Begehren ist nicht verhandelbar, es ist existentiell, aber das Bedürfnis kann bedient werden. Sexuelle Verdinglichungen von Menschen – im Sinne des Marktes ist Begehren nur vergegenständlichte Objektivierung von Körperpartien – sind Stellvertreter für uneingeholte Bedürfnisse. Denn jedes (begehrenswerte) Objekt fungiert als Abbildung des nicht eingeholten Liebesversprechens (als Ersatzobjekt) und drückt den zugedeckten Liebesmangel, das unbefriedigte, unbefreite Begehren aus.

 

 

 

 

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