# 38 / das kollaterale Objekt

Die Idee des sogenannten industriellen Fortschritts meint doch: Das unendlich erscheinende Ganze, die Nacht mit Düften Geräuschen und Sternehimmel in lauter endliche Einzelheiten einzuschmelzen, in Gas, Fett, Metall, Bewegung, Information und Knochen – um endlich all das in Geldwerte, korrumpierende Ideen, wohlmögliche Märkte einzuschmelzen. Darauf ausgerichtet, alles in der Umgebung in eine kategoriale Erkenntnis oder Ebene eines Produktes zu zwingen. Aber etwas zu haben, ist noch nicht das Ganze – die ganze Welt durchpflüge ich mit meinem SUV. Die auf rational gesicherte Kategorien abzielende Methode – die das homogene, intakte, also auf die Sinne überschäumende Phänomen als Objekt von anderen trennt und damit als einzelnes Objekt schwächt, verendlicht, begriffsfest macht, aus seinem unentdeckten Wirrwarr seiner Zusammenhänge herausreißt, ist bereits ein Symptom (Zeichen, Hinweis) der institutionellen Versschrottung des Planeten und des sich technokratisch aussprechenden Objektivierungs­zwanges im Produktionsprozess. Der Produktionsprozess  kann sich mit dem ihm eingewobenen Kontrollinstanzen – was dem angestrebten Produkt nicht gleicht, fliegt raus – aufs finale Einzelne stützen, aufs abgeordnete Detail, auf die objektiv erzwungenen Parameter. Wird tatsächlich etwas verstanden, weil man es beschreiben, kontextuell differenzieren und in Produkte oder Bienalen stecken kann? Diese aus dem Objekt, Phönomen gebrochenen Details werden der Umgebung als destillierte wie vereinzelte Produkte – Phänomene – wieder eingesetzt, vorgesetzt. Eine produktorientierte Profilierung der Wahrnehmung nun abhängt von der Herstellung von prothesenhaften Extremitäten, Details, Gegenständen, von der zu erreichenden Objektivierung (innerhalb bestimmter Disziplinen). Man beobachtet Symptome – was schon Isolierung einbegreift – in derselben Weise, wie Sterne beobachtet werden.1J.-Ch. Sournia, in: Michel Foucault, Die Geburt der Klinik, Fischer Verlag, Seite 13 Diese Profilierung der Wahrneh­mung ist besonders im Bereich der industriellen Produktion, Klinik und Kunst zu konstatieren.2„Betrachtet man [die Klinik] aber in ihrer Gesamtstruktur, so erscheint die Klinik als eine für die Erfahrung des Arztes neue Profilierung des Wahrnehmbaren und Aussagbaren: als Neuverteilung der diskreten Elemente des körperlichen Raumes (z. B. Isolierung des Gewebes als zweidimensionaler funktioneller Ebene, die sich von der funktionierenden Masse des Organs abhebt und das Paradox einer >>inneren Oberfläche<< schafft); als Reorganisation der Elemente, die das pathologische Phänomen konstituiert (die Botanik der Symptome wird von einer Grammatik der Zeichen ersetzt); als Definition der linearen Reihen der Krankheitsereignisse (im Gegensatz zur Verzweigung der nosologischen Arten); als Einfügung der Krankheit in den Organismus (Verschwinden der allgemeinen Krankheitswesenheiten, die die Symptome zu einer logischen Figur vereinigten, zugunsten einer Lokalisierung, die die Krankheit mit ihren Ursachen und Wirkungen in einem dreidimensionalen Raum ansiedelt).“ Michel Foucault, in: Die Geburt der Klinik, Fischer Verlag, Seite 16


© Hans Georg Köhler, „Bunker Berlin Boros“, VG Bild Kunst Bonn, 2010

Ich führe das hier an, weil mir scheint, dass diese auf voreingenomme Kategorien zielende Profilierung der Objekte eine Methode ist, die einen weiten Möglichkeitssinn an Wahrnehmbarkeit auf eine vorbestimmte Beschreibungs- bzw. Begriffsstruktur abstellt. In der Kunst greift diese Objektievierung als Kontextualität ähnlich determinierend in den Wahrnehmungsgehalt ein: die ohnmächtige Frage „Was will der Künstler damit sagen“ zielt auf das Ergebnissorientierte Bemächtigungsbegehren – da muß doch irgendwas objektiv sein? Dieser Ausgeschlossenheit vor der Fülle des Objekts – des Kunstwerks – wird mit kontextuellen Möglichkeiten aufgefüllt, ausgeglichen.

 

 

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