# 43 / Beobachten und Verschlingen wirrer Gegenstände

Wahrnehmen

Versuchen wir uns vorzustellen, jemand sähe seine Umgebung in Rot-Grün Abstufungen, ein anderer vielleicht in Graustufen von Weiß bis Schwarz – sei es nun wegen optischen, krankhaften Beeinflußungen oder der bloßen genotypischen Möglichkeit nach. Entspräche dann nicht das Wahrnehmen, oder die geistige (nervale) Bewegung nicht einer vor-gegebenen, determinierten (genotypischen) Einschränkung, Grenze von maximal möglichen Wahrnehmungsqualitäten? Aber die Welt des Maximal-Möglichen-Wahrnehmens existiert für den Farbenblinden nicht, wenn die Welt im Schwarz-Weiß codiert ist. Gleichwohl lernen wir, dass das Wahrnehmen gelernt werden kann. Wir liefern uns dem Verdacht aus, einige Dinge zu „übersehen“. Diese Art zu beobachten, wird von einem Ausdruck der körperlichen Unzulänglichkeit vor unermeßlich anderen Möglichkeiten begleitet. Resultiert daraus nicht das Gefühl des Verlusts von Gewißheit, anderes nicht wahrnehmen zu können, aber doch davon zu wissen? Ein Zweifel, nicht alles sehen zu können und: nicht zu sehen, was man nicht sieht? Kann man von Beobachtungsrichtigkeit vor Denkrichtigkeit sprechen, wenn doch beides ineinander verwoben ist? An der Wahrnehmungs -oder Erfahrungsstruktur könnte noch festgehalten werden, ohne dass diese Ergebnisse jenseits von mir ausstößt und mich als Beobachter hinters Licht führt. Formalisierungen, wie: Wenigstens sehen wir zweifelsfrei einen Baum, ob nun grün, dick, schwarz usw. – aber dieses grobe Sehen erzeugt eine notwendige Fatamorgana, um die wie auch immer ermittelten Wahrnehmungsschwächen als Entkopplungen1Eine andere Lesart zur „Baumfigur“ in Hegels Abschnitt „A. Bewußtsein“ (Punkt I. Die sinnliche Gewißheit oder das Diese und das Meinen, in: Phänomenologie des Geistes, Suhrkamp Verlag, 3. Auflage, 1991, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 603) formuliert Maturana: „Da schließlich das Nervensystem als geschlossenes neuronales Netzwerk operiert, ist die Ausführung gelernten oder instinktiven Verhaltens als jeweiliger Ausdruck einer strukturellen Kopplung stets die Aktivität eines raumzeitlichen Netzwerks von Relationen relativer neuronaler Aktivität, das einem Beobachter als Netzwerk sensomotorischer Korrelationen erscheint. Wenn das beobachtete Verhalten Instinktverhalten ist und in einer inadäquaten Umwelt verwirklicht wird, behauptet der Beobachter, es sei Instinktverhalten in einem Vakuum. Ist das beobachtete Verhalten jedoch gelernt und tritt in einer unangemessenen Umwelt auf, dann spricht der Beobachter von einem Fehler. In beiden Fällen ist die Situation jedoch dieselbe: es handelt sich demnach um eine durch die Umstände bedingte Entkoppelung der Strukturen, wie sie in der operationalen Unabhängigkeit der Zustandsdynamik des Organismus und der Zustandsdynamik des Mediums begründet ist, wenn die jeweiligen Zeitverläufe des Strukturwandels eine Kopplung der Strukturen nicht zulassen.“ Maturana, in: Biologie der Realität, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1998, stw 1502, Seite 120 von Ich-Körper und Umwelt-Körper zugunsten formaler Gemeinsamkeiten zu egalisieren. Hier ensteht Zurichtung.

Beobachten
Die Umwelt wird rationalisierend auf diejenige Struktur angepasst, angeschlossen, modifiziert, funktionalisiert, die den Prozess systemischer Selektion voranrteiben kann. Die Erzählung einer bestimmten Beobachtung wird am Beobachteten wie Beobachter exekutiert: Was du nicht siehst, ist dein Problem, denn was du nicht siehst, ist das, was du nicht sehen kannst. Die Kriterien und Umstände der Beobach­tungen werden in das Beobachtete hinein gesehen. Beobachtung vollzieht Fiktionalisierung am Beobachteten – mit dem Begriff der Projektion auch beschreibbar. Der soziale Beobachtungsraum determiniert das Objekt. Wie soll das Objekt der Beobachtung unabhängig vom Beobachter sein? Das Objekt ist stets in der Beobachtungsposition eingeschlossen. Die sogennante Nüchternheit, Sachlichkeit oder gar Unabhängigkeit des Objekts (als wertfreier, sachlicher Gegenstand der Untersuchung) gegen dessen Beobachtung, Behandlung ist ebenso unwahrscheinlich wie die Unabhängigkeit des (wissenschaftlichen) Beobachters gegenüber seiner Beobachtung, der sein eigenes Objekt sucht. Die Beobachterposition strukturiert den ihr entsprungenen Beobachtungs-Prozess selbst – das Kleinste-Gemeinsame-Vielfache hilft vor der Unübersichtlichkeit, macht alles mit allem teilbar. So reduzieren wir uns auf ein vereinbartes Schwarz-Weiß, um wenigstens darüber gemeinsam reden zu können.

Verhalten zu Verhältnissen
Wenn man ein Verhalten am Beobachteten (ein Gegenstand, ein Ereignis) konstatiert, konstatiert man das Verhältnis zwischen Beobachter und seinem Gegenstand (dem Beobachteten). Das beobachtete Verhalten eines Gegenstands, Phänomens drückt in der Beschreibung des Gegenstandes, Phänomens etc. das Verhältnis des Beschreibenden zum Gegenstand seiner Beschreibung aus. Die durch den Beobachter auf den Gegenstand zugewiesenen Funktionalen aus Bedeutung und Sinn (semantischer und kontextueller Bezug) ermöglichen eine darauf gründende Beschreibung. Deshalb erscheint das beschriebene Verhalten zum Beobachteten dem Beobachter als eines, dass durch den zugewiesenen kategorischen Bezug auf das Objekt verursacht wird.2Vgl. Humberto R. Maturana, in: Biologie der Realität, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998, stw 1502, Seite 118 Letztlich beschreibt der Beschreibende seine Beschreibungsstruktur mit (in der  Syntax, in der  Codierung). Die Beschreibung eines Verhaltens (vom Gegenstand x, was gerade beschrieben wird) drückt stets auch das Verhalten zur eigenen Beschreibungsweise aus. Wie mein psychisch, kultureller und sprachlicher Apparat meine Beschreibungsstruktur determiniert, was also meiner Beschreibung zugrunde liegt, verankert meine Beschreibung/ Beobachtung ebenso, wie den zu beschreibenden Gegenstand. Eine Verstärkung der Kopplung zwischen Beobachter und Beobachtetem. Das beobachtete Verhalten (eines Gegenstandes), ist das, was ich in meiner Beobachtung über einen Gegenstand erzeuge, und sagt zugleich etwas über mein Verhalten (zum Gegenstand) wie Beobachtungstandpunkt aus. So ist die Beschreibung/ Beobachtung des Gegenstandes auch ein Gegenstand meines Eigen-Interesses. Das (zu beschreibende) Verhalten des Gegenstandes ist nicht losgelöst von meinem Verhalten zum Gegenstand. Beschreiben heißt interagieren.3„Jede Beschreibung setzt daher eine Interaktion voraus.“ in Humberto R. Maturana, in: Biologie der Realität, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998, stw 1502, Seite 123 Ein Verhalten von ‚X‘ zu konstatieren, erfordert die Konstituierung dieses Verhaltens zu  ‚X‘ durch die Beschreibung (also die Konstituierung des Konstatierenden wie die Produktion von Verhältnissen des Verhaltens in der Beschreibung). Es entsteht somit als Verhältnis zwischen Beobachter (oder: Beschreibenden) und Beobachteten (Beschriebenen). Wenn man so will, ermöglicht eine vorliegende, fixierte sprachliche Beschreibung wieder die Rekonstruktion dieses Verhältnisses und fließt rekursiv in den nächsten Beschreibungsvorgang mit ein. Es ist eine strukturelle Kopplung. Re-entry.
Anders aber bei Hegel: Der Beschreibungsvorgang als psychische Kopplung und daher als widersprüchliche Kopplung mit dem Beschreibungsobjekt im Beschreibungssubjekt: Was richtet der Gegenstand in meinem Geist an? Wenn das Ich selbst sein Gegenstand ist, nehmen die Zweifel überhand. Das Ich ruft nach sich selbst, es ist sich selbst das größte Objekt und widersetzt sich gegen sich, wo es nur kann. Es kann sich selbst nicht fassen.

 

 

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