# 51 / Vorstellen, Spekulieren, Leib als Loch (Chronik einer Liebe, II)

„Etwas ist lebendig, nur insofern es den Widerspruch in sich enthält, und zwar diese Kraft ist, den Widerspruch in sich zu fassen und auszuhalten.“1G. W. F. Hegel, in: Wissenschaft der Logik, Die Lehre vom Wesen, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1992, Seite 61

Die kognitive Arbeit an einem Widerstand, einem Ereignis, inmitten einer Erfahrung verheißt eine Verar­beitung, Verabredung mit sich, um mit den neu einstürzenden Erfahrungen, mit neu aufkommendem Äußerlichen – wie es auch immer in Konfrontation mit unbekannter Erfahrung zustande kommt, zum Anderen sich ereignet – klar zu kommen. Sobald ich beobachte, wird das Beobachtete ein mir Äußerliches, ein Anderes, ein Außer-mir – in der Differenz zum Anderen bezeugt. Zugleich ist dieser Prozess ein Versprechen: sich abzuarbeiten an sich selbst mit dem anderen (Menschen, Ereignis, Phänomen). Das mir Äußerliche, meine Hände, Füße, Haare – das ist alles mein Körper, ist mit meinen Sinnen zu mir verbunden. Mein Leib ist mein Beobachtungsgegenstand. Mehr oder weniger durch mich kontrollierbar: entäußerbar und ausdrücklich. Beobachtung leitet Differenz ein: zu mir, meinem Gegenstand (der Beobachtung) oder zum sogenannten Anderen als bewußten Differenzierungsprozess im Beobachten selber (Beobachtung 2. Ordnung). Beobachtung ist schon Spaltung, Widerspruch zwischen Beobachtungskörper und (mutmaßlicher) Beobachtungsdifferenz. Ich kann nicht das sein, was ich sehe: Das Meer die Wellen dein Hals die Haut. Gerade, wenn man nicht bei sich wohnt, markiert das Andere das eigene Nicht-bei-sich-selber-sein.

Um über sich nachdenken zu können (z. B. als Simulation einer Erfahrung, als Empathie, als Sicheindenken in einen Anderen, als Empfindung), d. h. um einen Gegenstand für-sich aus sich heraus zu produzieren, zu begreifen, ist das kognitive System (Körper + ZNS + Gehirn + x) genötigt, in eine innere Kommunikation mit seiner leiblichen Begriffsarbeit zu treten. So kann der kognitive Körper sich selbst zuhören oder aus sich heraus malen, musizieren etc. In einer Art Beratung mit sich selbst, so dass in dieser Selbsterzeugung erst das genügende Potential geschaffen wird (die Differenzen oszillieren mit Informationen zwischen den Körperteilen = Wahrnehmungssinnen) bis schließlich eine Art stehende Verbindung, der oft begangene Trampelpfad, der (erfolgver­sprechende) Vorgang des Begreifens, der Entscheidungsfindung zustande kommt. Wird die kognitive Produktion vom vernunft- wahrnehmungsbegabten Körper getrennt, ihm abgeschnitten, weil es z. B. nur als reagierendes Element im Produktions- oder Kommunikationsprozess benutzt wird, findet er sich nicht wieder. Dann besteht die Gefahr, dass solcher Geist sich selbst befällt, verrückt wird und das kognitive Streben fällt in der Suche nach einem Ausweg, Auslass auf sich zurück oder über sich her. In intrinsischer Selbstbeschäftigung implodiert der Körper als schwarzes Loch. Er schmort im eigenen Saft.2vgl. Daniel C. Dennett, in: Ellenbogenfreiheit – Die erstrebenswerten Formen freien Willens, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim, 2. Auflage, 1994, Seite 40 ff, hier Seite 58
Aus dem Mangel des Außen (Differenz kann nicht etabliert und produziert werden) wird die Abwehr des Außen generiert (Differenz wird vernichtet oder nicht zugelassen), um die erlittene Situation zu rechtfertigen. Das System ‚Bewußtsein‘ kann kaum mehr Differenz ertragen erzeugen und bricht zusammen, vor zu viel Neuem, vor dem Anderen. weil es durch die mangelnde Selektionsarbeit keine Differenz und in Folge dessen, keine Komplexität herstellen kann, die das System am Laufen hält.

 

 

 

Kategorisiert in: