# 52 / Depression – eine Ableitung zum Ego

„Die Chronifizierung der depressiven Symptomatik ist als Folge langdauernder wiederholter schwieriger Lebenssituationen zu sehen, zu der neben der familiären Problematik die Arbeitslosigkeit (mit vielen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Praktika ohne Erlangen einer festen Anstellung) nach dem Ende der DDR hinzukam. Hier kann von einer Interaktion zwischen den oben genannten Faktoren der Umgebung und mangelnden Problem-Bewältigungsfähigkeiten – im Sinne von „Erdulden“ von Situationen statt aktiven Handelns – sowie negativen Attributionsmustern (stabil und internal: „Es ist meine Schuld, weil ich mich nie durchsetzen kann.“) mit Selbstvorwürfen zu sehen. Die Folgen der körperlichen Erkrankungen führten zu weiterer Verfestigung der Depression. Die Patientin erlebt sich ihren Beschwerden hilflos ausgesetzt, schafft es gleichzeitig nicht, ihr Selbstbild und ihre Aktivitäten in positiver Weise an die körperlichen Krankheiten anzupassen.“
„Der Patient beurteilt sich selbst als fehlerhaft, unzulänglich, krank oder benachteiligt. Er neigt dazu, seine unangenehmen Erfahrungen einem psychischen oder körperlichen Mangel seiner selbst zuzuschreiben, und hält sich wegen seiner angeblichen Mängel für wertlos. Oder aber er (bzw. sie) legt extreme Wertmaßstäbe an und beurteilt das eigene Verhalten als moralisch verwerflich oder unzureichend. Es folgt eine stetige Selbstunter­schätzung und überzogene Selbstkritik.“1Mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von Dr. Iris Deffke (aus einem Patientenbericht)
Eine unendliche Sinnsuche nach Negativität?
„[…] Das zeigt sich in einer mehr oder weniger aggressiven Abwehr des Umstands, dass es außerhalb des eigenen Selbst eine konkrete Wirklichkeit gibt, die das Selbst immer schon (und immer wieder neu) bestimmt. Diese Abwehr verbindet sich mit der Anklage ans Außen, dass, gemessen an der eigenen Unendlichkeit, keine Wirklichkeit je gut genug sein kann. Die Kehrseite einer solchen Aggression ist ein Gefühl innerer Leere. Kierkegaard nennt es Lange­weile.“2Juliane Rebentisch, in: „Hegels Missverständnis der ästhetischen Freiheit“ in: Kreation und Depression, Hrsg. Christoph Menke und Juliane Rebentisch, Kadmos Verlag, 2010, Seite 178

Spieglein, Spieglein…
Aus mir kriecht die Normalität, Menschengeheul. Mit Systemkritik konnte ich einen Schirm spannen. Ich Narr, im Steinhagel hielt ich zuletzt den Stiel in der Hand – statt den Hammer. Das System habe ich mir wie ich mich betten wollte, zurechtgelegt. Das System konnte ich überall anschreien: mit meiner beschissenen Kindheit, die ich als Ideologie für mein Versagen mißbrauchen konnte. Von der Randnotiz zur Fußnote – mehr ist nicht rauszuholen. Forscher, dann Künstler geworden, um den blauen Flecken, Kopfwunden, Massakrierungen, der Angst einen Sinn zu geben. In meiner Kunst konnte ich mein Geheimnis gefangen halten, dass ich die nicht töte, die in mich rein ritzten – solang ich malen, zeichnen, spritzen konnte. Mit mir hätte ich anfangen müssen. Geworden bin ich: aggressiv, lautlos, arbeitend – bipolares Tier; im Schrei nach einer Eigentumswohnung. Heimlich in der Nacht, im Kunstknast, habe ich alle zerfleischt, AUSGETRETEN. Ich muß Krieg führen für die Margarine im Discount. Prognosen werden nicht erfüllt, dunkel im Maulwurfsbau – die Idee war teuer.

Und jetzt mit Adorno:
Antithese. – Für den, der nicht mitmacht, besteht die Gefahr, daß er sich für besser hält als die andern und seine Kritik der Gesellschaft mißbraucht als Ideologie für sein privates Interesse. Während er danach tastet, die eigene Existenz zum hinfälligen Bilde einer richtigen zu machen, sollte er dieser Hinfälligkeit eingedenk bleiben und wissen, wie wenig das Bild das richtige Leben ersetzt. Solchem Eingedenken aber widerstrebt die Schwerkraft des Bürgerlichen in ihm selber. Der Distanzierte bleibt so verstrickt wie der Betriebsame; vor diesem hat er nichts voraus als die Einsicht in seine Verstricktheit und das Glück der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt. Die eigene Distanz vom Betrieb ist ein Luxus, den einzig der Betrieb abwirft. Darum trägt gerade jede Regung des sich Entziehens Züge des Negierten. Die Kälte, die sie entwickeln muß, ist von der bürgerlichen nicht zu unterscheiden.“
3Theodor W. Adorno, in: Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Suhrkamp, Bibliothek Suhrkamp, Seite 22

 

 

 

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