# 69 / Anpassung als (Selbst-) Beschränkung

Was ist das Ich? Eine (re)konstruierte Form partieller, singulärer Wirklichkeit, eine Versicherung und Abgleich des Erlebten mit dem Vorerlebten – anhand von erkannten, beobachteten, Verrückungen, Differenzen zur erwarteten, erwartbaren Realität: Sozialisation. Die Ermöglichung von Erfahrungen durch die gefilterte Annahme der Differenz zu  Anderen. Die durch die erlittenen Beschränkungen des Subjekts an sozialem Verkehr – gemessen an seinen Erwartungen – produzierten Erfahrungs-Prothesen, gewähren ein Weiterlaufen und ermöglichen zugleich die stete Bereitschaft, mit neuen Prothesen – Sozialisierungsideen, die Differenz zur eigenen Erwartung abzugleichen. „Das Subjekt ist die Einsetzung eines Verlusts in der Realität […].“1Jasques Lacan, in: Struktur, Andersheit, Subjektkonstitution, August Verlag, Hrsg. Dominik Finkelde und Slavoj Zizek, Seite 27
Tics und Theorie…
Einer hat einen Tic, der andere wippt mit seinem Oberkörper um Spannungen abzubauen usw. Solang diese Anpassungen nicht das Subjekt überdeterminieren – es gänzlich von menschlicher Kommunikation ausschließen, gewähren sie die für das jeweilige Subjekt-System eine es erhaltende Dynamik. (Pathogene) Anpassung mit Hilfe selbstreferenzieller Schrumpfung – der Anspruchsrahmen wird zugunsten der Anpassung an normative Gestaltungsrahmen aufgegeben. In der kleinsten Größe überwand der Denkende die Zeit (nach Brecht). Der Rückzug auf eine kontrollierbare Innerlichkeit als eine Reaktion zur Gesundung? Ist Fokusierung auf sich selbst schon Selbstbeschränkung? Machen zu viele Anforderungen, Reize (Informationen) krank? Der Ausweg scheint in der Beschränkung von anzunehmenden Informationen zu liegen, d. h., dass bestimmte Informationen nicht mehr wahrgenommen werden (können). Das bedeutet aber, dass Kriterien (Regeln) zur Selektion von Informationen eingeführt werden müssen, die es erlauben, Informationen wahrzunehmen oder nicht wahrzunehmen.
Selbst-Beobachtung als pathologischer Solipsismus.
Sonst stünde man in einer stetig zunehmenden Informationsquelle, die das Navigieren erschwert. Aber auch die Kriterien müssen stetig angepasst und spezifiziert werden, um Informationen (, die auf Verhaltensnormative hindeuten) abzuwehren. Damit werden Kontexte etabliert, die die Abwehr wie Annahme regulieren. Es entstehen regelrechte Kriterienkataloge, die Informationen filtern und letztliche ausschließen bzw. für weiterführende Handlungen positionieren. Die Kommunikation wäre zum Preis zunehmender Regeln funktionabel. Informationen werden schwach, Regeln stark.

Aua!
Kollabiert die Anpassung an einem unerwarteten Realitätsstrom, so versiegt die Beobachtbarkeit des Außen am heißen psychotischen Inneren und es folgt die Verstärkung oder Berufung auf fixe, vorgestellte Tatsachen, als ein Umklammern von letzten, sicheren, gewohnten Formen. Das Fest-Stellen beginnt. Es entwickelt sich eine unendliche selbstreferenzielle Schrumpfung, um doch noch formale Kriterien der Handhabung mit Informationen, Ereignissen zu generieren. Diese Verästelung des intrinsischen Beobachtens schöpft sich aus der Vereinzelung von selbstgewählten und daher blinden Phänomenen, Tatsachen: durch Atomisierung, Zerlegung, Selektion oder Sektion von Gedankensträngen. Das Parzellieren des Wahrgenommenen in voreingenommene Ausschnitte mündet in Schnitte am Subjekt. Dessen selbstische Beobachtungs-Erwartung gegenüber dem Beobachteten engt das Beobachtete entweder gemäß bzw. entsprechend der getroffenen Erwartung ein oder das Beobachtete enttäuscht das durch seine selbst aufgestellten Erwartungen determinierte Subjekt aufgrund fehlender Übereinstimmung. Die erwartungsvolle Selektion von Tatsachen fällt über den Beobachter selbst her. Dieses so sich konstituierende Beobachtungs-Subjekt entwickelt aus Selbstschutz heraus pathologische Muster des Mißtrauens. Diese Beschränkung auf die eigene Befindlichkeit produziert keine neuen Kategorien mehr, nimmt Differenzen nicht wahr. Sie generiert keine soziale Kommunikation. Die Spezialisierung der Wahrnehmung (-sorgane) durch die  Beschränkung, Konzentration auf den Schmerz fällt auf sie selbst zurück, führt in ihre Anatomie hinein. Dieser Mensch kann als sozial determiniert und isoliert (nur) sich selbst zuhören. Autodialog. Er entgleitet zu sich. Krebs. Dieser Mensch kommt nicht über seine Körperlichkeit hinweg. Er erhellt sich durch sein Entleeren. Da klart was auf, weil die Topografie der Erfahrung bzw. der Erinnerung zerstört wird. Der Wahnsinnige ist sich selbst gegenüber im Reinen. Er hört nur seine Leere. Schließlich wird gehandelt wie gelitten wird und nicht, weil gedacht wird. Die Nerven wachsen am Schmerz entlang und Hören und Sehen vergeht ihnen. Aua.

 

 

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