107, Pizza und Postmoderne, Ware & Ego

Das Aufhören der Körper, gepfercht in Prothesen von Lippen hinter entspiegelten Scheiben, aus sich heraus genommen in fremde Lippen, das Ego ausge­brochen, ohne Gold zu finden, glänzt das Kristall der Massen: scharf, kunstfertig, und scheint wie das Schöne der Klinge.
Auf großer Leinwand der Moment des Eisens im Fleisch, ohne Danach, kein Vorher. Eingefroren. Pizza und Leichenteile im Tiefkühlfach. Post­modern. Die Differenz zwischen Lagerhalle, Konzentrationslager und Kunsthalle verschwimmt, verstopft den Zuschauer, zerreißt ihn. Man kann sich zeitgenössisch in einer Ausstellung in Handschellen an Ketten fesseln lassen.1So in der Ausstellung von Monica Bonvicini mit an langen, von der Oberdecke herabhängenden Ketten nebst Handschellen möglich: „I do you“, in der Neuen Nationalgalerie Berlin, 2023 Der Zusammenhang von Erkenntnis und Ästhetik ist aufgebraucht und mit Zollfreiheit deklariert, friert und schmort im Zolllager der Art Basel. Der individuelle Schwächeanfall vor der gesellschaftlich vermittelten Totalität ist verklärt, verhackstückt im Kunstprodukt. Der nächste bitte.
Ich schweige und schmelze zum Abfluss.

 

In der ästhetisierungsmächtigen und nach Ästhetisierung nötigenden Struktur der Herrschaft ist dem Individuum die Gestaltung seiner Niederlage vorgeschrieben – verkauf dich so gut du kannst – und ebenso entzogen: du hast keine Garantie. Die sinnliche Begegnung mit sich selbst wird bestmöglich ausgelagert: im vorgegebenen Lifestyle, die Selbstertüchtigung wird in Outdoor-Läden outgesourct, Bekleidungsimages ersetzen die individuelle Bandbreite, der Lernprozess ist abgeschnitten.

 

 

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