205, Ästhetische Kopplung

Das Kunstverständnis, das einen Wirklichkeitssinn für ästhetische Formen unterstellt, der sowohl aus dem sozialen Milieu heraus wie in die kognitive Struktur der Erfahrung hinein wirkt, ist nicht groß etabliert, auch wenn der Begriff der „sozialen Plastik“ gern in die Kontextuealisierung von ästhetischen Phänomenen hinein geschoben wird. Das Verständnis für die Kunst als Lebenswelt übergreifender Wirklichkeitssinn wird täglich von tausenden künstlerisch tätigen Menschen gegen das diffamierende Postulat über die Folgenlosigkeit ästhetischer Wahrnehmung in Stellung gebracht. Dass also der Wahrnehmungs-Sinn für die erfahrene Lebenswelt ebenso intensiv erhellend wirkt wie das (ästhetische) Bedürfnis, sie zu verändern: in der vollzogenen und damit produzierten sozialen Struktur der – dann ästhetischen – Interaktion. Das ist die Voraussetzung für die Transformation von Erleben in ästhetische Akte – sie sind Manifeste kognitiver Reflexion. Die neurologischen Wahrnehmungsprozesse kommen in der künstlerischen Bewusstwerdung  – ihrer Benennung oder Ausformulierung – zur Oberfläche: als Form, Farbe, Orientierung und oder Richtung von Konturen zur Tiefe hin oder seitwärts im Bilde.1vgl. Neuro- und Sinnesphysiologie, Hrsg. Robert F. Schmidt und Hans-Georg Schaible, Springer Verlag Berlin Heidelberg New York, 4. Auflage, Seite 303, 304 ff, 311 f, 473
Die ästhetisierende Wirkung der Kunst gründet sich in der (bewussten, erlernten) Anerkennung der Realität der Sinne, der Sinneswahrnehmung als Verkörperung der erlebten Umwelt mit dem wahrnehmenden Selbst: als ästhetische Kopplung. Der ästhetische Impetus von ausdrückbarer Wirklichkeit in der Kunst und überhaupt ist auch deshalb schön, weil er viele Möglichkeiten auf Morpheus‘ Frage „Was ist die Wirklichkeit?“2Aus dem Film MATRIX, 1999, Wachowsky Brothers zulässt: so unterschiedlich die Beobachter-Produzenten Position so unterschiedlich die ästhetischen Kopplungen. Wir sind durch uns in der Welt. Wir können ohne „Voraus“ vor einem Bild stehen:3„Die Ziele einer kunstgeschichtlichen Fachbildung sind die Ziele der allgemeinen Kunsterziehung geworden. Kunstgeschichte kennen gilt als gleichbedeutend mit Kunst verstehn. Und eben das ist falsch, und das Laienpublikum kommt in ein ganz schiefes Verhältnis zur Kunst, indem es die Vorteile seines natürlich-unhistorischen Standpunktes preisgibt. […] Wenn sich das Publikum quantitativ zu viel zumutet, so scheint mir weiter, daß die kunsthistorische Halbbildung eine Art von falschem Kennertum erzeugt hat, das einer wirklichen Erkenntnis der Dinge mehr im Wege steht, als daß es sie vorbereitete. Nichts imponiert dem Laien mehr als jene Sicherheit des Urteils, wo ein Blick genügt, um von weitem zu sagen: das ist ein Aelbert Cuyp…“ Heinrich Wölfflin, in: Kunstgeschichtliche Grundbegriffe, hrsg. von Hubert Faensen, VEB Verlag der Kunst Dresden 1983, Seite 316
Im Versuch Kunstwerke zu betrachten ohne bewertende Urteile. Die auf den Kontext der Kunstgeschichte bezogene wie darin gefangene Fragerei wird dem konkreten Artefakt nicht gerecht und sprengt, ja diskriminiert unseren konkreten Wirklichkeitssinn. Luhmann: „Wenn von Blockierung externer Referenzen die Rede war, dann war gemeint, daß die internen Operationen des am Kunstwerk sich festlegenden Beobachtens ohne externe Referenz verständlich sein müssen. Sie werden nur für das Beobachten des Beobachtens produziert.“4Niklas Luhman, in: Die Kunst der Gesellschaft, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1303, erste Auflag 1997, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1995, Seite 244

 

 

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