147, Solipsismus als Selbstentzweiung

Beziehungsstrukturen, in denen sich unterirdisch aufgehobene Erwartungen, verzögerte Hoffnungen, gestaute Niederlagen sammeln, worin das Selbst seine Besonderheit aufgab und seinen Autonomieanspruch verlor, wegschleuderte aus dem Mangel an sich selber oder dem Druck gegen sich, münden in Abhängigkeit zu einem oder vielen Anderen. Dieser „Mangel am individuellen Sein“ ist aufgehoben in der sozialisierenden Macht eigener Wünsche, Erwartungen, die das Selbst um sich spinnt – als auch in der hierarschichen Macht des Kollektivs oder in einer ideologisch motivierten Unterordnung. Dies verspricht dem Einzelnen vorteilhaftes überleben – nur muss er daran festhalten: Solipsistisch. Das einzelne Selbst tritt hinter sich zurück zugunsten einer kollektiven Narration gemeinsamer Interessen, damit jedoch schultert es auch die Schuld unerfüllter Erwartungen, die es an sich gestellt oder einem Kollektiv (Gruppe, Familie, Beziehung) übergab – die Schuld, alles andere eben diesen Interessen zu opfern. Nach den je einzelnen Verlusten unter dem Druck der Existenz oder in schon bestehenden Konflikten mit Beziehungen bzw. mit kollektiven Strukturen, in denen Machtpräpositionen mit jeweils anderen Interessen gefochten werden, gibt das Selbst sein Ich heraus und löst es in eine neue Kontinuität ein, worin seine Individualität in Funktionen versachlicht wird. Es stimmt in den Chor ein, um nicht gänzlich stumm zu bleiben. Solo deo gloria.
Und das ist nicht das Schuldbewusstsein des Kollektivs, der Allgemeinheit oder sonst was, nicht das „allgemeine“ Schuldbewusstsein gegen jene sich in allem verkörpernde, jähzornig einander vorgetragene Mitwisser- und Täterschaft, sondern es ist das persönliche Eingeständnis, genau solche Struktur von Beziehungen – Liebesbeziehungen wie auch Beziehungen in Arbeitsverhältnissen – das Kollektiv, den Verbund als Versicherung der eigenen Existenz zu brauchen und: zu beanspruchen. Das Bekenntnis zum eigenen Schuldvermögen jenseits eines kollektiven Verstecks ist die Steuer des Selbst auf seine Individualität. Dieses Bekenntnis verbürgt das Anrecht auf seine Zukunft.
Das ringende Vergewissern, mit den Anderen (im Arbeitsverhältnis, im politischen Kollektiv, in best. gesellschaftlichen Communities) zu sein, verschärft sich zur problematischen Selbstselektion des Überlebenswilligen durch „Selbstverpflichtung“ gegen sein Selbst – Pflicht als Ausdruck der Resignation statt Intention.1vgl. Klaus Heinrich, in: Dahlemer Vorlesungen – tertium datur, Band 1, Stroemfeld/ Roter Stern Verlag, Seite 129 Eine Art Selbst-Konspiration für das intellektuelle Entweichen vor der selbstischen Niederlage. Die Übernahme anderer, sich allgemein gebender Interessen auf sich selbst wird Instrument der Selbst-Beherrschung. Die an sich selbst vorgenommen und vorauseilend angenommenen Ansprüche der Selbstbeherrschung (als Implikationen sozialer Kommunikation, als Übernahme technokratischer Lebenstechniken) sind ein schützendes, weil übersichtlich eingezäuntes Feld, in das das Selbst sich der affirmierten Logik des Beherrschtwerdens überantworten kann. So macht man sich gemein. Mit kühlem Verstande.

 

 

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