227, Mediensex

In Nachrichten- und Unterhaltungsmedien erscheint Sexualität als Menschheits-Bedürfnis, als von Menschen gemachtes wie gefordertes Bedürfnis. Für die Produktpräsenz der Kanäle werden intime, lüsterne Bezirke gestachelt und annektiert: Mediensex. Die Creme, das Auto, der Urlaubsplatz, Filme und Kleidung sind ohne den freizügig offerierten Busen im Prospekt nicht zu haben oder an den Mann zu bringen. Gegen allen Eigensinn individueller Empfindung werden Produkt-Bedürfnisse sexistisch besetzt. Die glitzern projektierten Paarungsversprechen erscheinen als größte anzunehmende Verwirklichung eigener Bedürftigkeit. Die sexuelle Lust ist universell und betrifft alle soziale Schichten – im evolutionären Sinn wirkt sie vertikal – mit dem Unterschied, dass deren Vollzug für prekäre Lebensumstände die letzte eigenmächtig zu erbringende Befriedigung darstellt. Sexuelle Befriedigung als Überlebenspraxis: der Körper als letzte erfüllbare Bedürfnis-Festung, aber auch Brücke zu ihm. Ist Sex-Haben eine Art Überlebensmetapher? Bürgerlich geschulte Mediziner haben in Konzentrationslagern einzelne männliche Häftlinge gerettet (aus der gegen sie künstlich herbeigeführten Unterkühlung), indem sie mit nackten Frauen belegt wurden.1Heiner Müller, in: Jenseits der Nation, Rotbuch Verlag, Seite 56
Das Sex-TV markiert eine Bremsspur im bürgerlichen Leben. Es hält die Zuschauer an, bei sich selbst – ihren basalen Bedürfnissen – zu verweilen. Wenn es stimmt, dass all die körperlichen Bewegungen der menschlichen Reproduktion (wie in zugänglichen visuellen Medien gezeigt) den menschlichen Bedürfnissen des Publikums entsprechen, dann zeigen die engagierten Paarungen in medialen Kanälen, dass die Entfaltung und Lebendigkeit der menschlichen Lust lediglich ein Akt der Penetrierung ist. Die Medienpräsenz des (patriarchalisch geprägten) Sexus zeigt den Mangel sinnlicher Möglichkeiten an, den die bürgerliche Gesellschaft der einzelnen Lebenspraxis einräumt. Im unsinnlichen Leben und daher wirklich kapitalen Leben scheitert die erregende Brust an den Vorgaben ihrer Schwester aus Silikon. Erektionen sind da nichts mehr Beschleunigendes – sie kommen als eruptive Vollbremsung des Menschen im Seidenkissen zum Erliegen. Dass Emotionen auch korrumpierbar sind, heißt nur, dass mit ihnen ein Geschäft zu machen ist. Die Drüsen sind trocken gelegt, die Kinderhoffnung versandet im Überlebenskampf. Nun Bindungslos geworden, wird die menschliche Lust zum medialen Ereignis, zur merkantilen Spielanleitung degradiert. Die Ausbeutung der Einsamkeit wird im verfügbaren Sex-Produkt fortgesetzt. Machs dir selbst oder lass es dir machen, aber hoffe nicht auf Liebe.
Die auseinanderbrechenden Erfahrungsbereiche, durch Lohnarbeit zerfetzte, kollidierend mit privaten Ansichten, immer mehr stecken sie im unerreichbaren Detail: an den Warzen, Schwanzlängen, Lippengrößen. Die Reste sinnlicher Ansprüche sind zu Delikatessen verkommen. Manieriert.2„natürlich gibt es so etwas wie eine literatur des abstiegs einer klasse. die klasse verliert da ihre schöne sicherheit, ihr ruhiges selbstvertrauen, sie verhehlt sich ihre schwierigkeiten, sie befaßt sich mit details, sie wird parasitär kulinarisch usw.“ Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1977, Eintrag vom 24.7.1938. Und: „die schönheit etabliert sich auf wachs, die fetzen werden delikat.“ Eintrag vom 20.8 1940

 

 

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