# 12 / Foto Flash und Ver-Lust, Kaffee Burger

Ich habe oft beobachtet, dass sich die Gäste während ihres Partymachens permanent ab-fotografieren, abbilden. Sie schießen Fotos oder filmen sich gegenseitig. Es schien, dass sie mehr in der technischen Reproduktion, im Auge der Apparatur zugegen sind als bei sich selbst, im Ereignis.
Als würde die Party erst real, wenn/ weil sie dokumentiert werden kann. – Realisierung durch Dokumentierbarkeit? Als Nachweis des Vollzugs, dabei gewesen zu sein? Das Fotografieren ratifiziert also das Gerade-im-Ereignis-Sein – sonst würde der Foto-Apparat nicht bedient werden können, denn er garantiert das Erleben des Momments. Der Moment des Stattfindens wird durch die reproduzierbare Abbildlichkeit mit-konstruiert: In der Dopplung des Stattfindens als erlebtes Ereignen durch die fotografische Erregung (- dem Bedienen des Auslösers) und des dokumentierten Stattfindens (durch die fotografische Abbildung). Das Erlebte wird in zwei Zeitformen gespalten: In die Gegenwart des Erlebens und in die Vergewisserung dieses Erlebens mittels fotografischer Erlebnis-Archive, wo abgelegte Gegenwart = Vergangenheit jederzeit vergegenwärtigt werden kann. So können Fotos das Ge-lebte als Wieder-zu-Erlebendes konstruieren. Die Ratifizierung des Erlebens (in der Party) wird durch Frameraten gepresst, Verschlusszeiten zerteilt, in eine unendliche verkleinernde Erweiterung gedehnt und schließlich durch die technische Apparatur des Mediums aufgesogen, auf die Reproduktion hin abgelenkt. Ein eigenartiger Loop hat sich durch die Popularität technischer Medien entwickelt. Der Vorgang zeitnaher fotografischer Dokumention schiebt sich vor das mögliche Erlebnis: Ohne Foto, Multi-Selfie hast du keine Party gehabt, warst an keinem Ort.

1Fundstück, 2011, ©Hans Georg Köhler

Die Determiniertheit der mitgeschleppten technoiden Apparatur bestimmt die Formen der Teilnahme am Dabeisein und ebenso bestimmt die Beschränkung der Repro-Technik selbst eine Art technischen Solipsismus des Wahrnehmungsgehalts. Die Wahrnehmung der Unmittelbarkeit eines schönen Augenblicks, das Von-ihm-Getroffensein, ist an die technische Prothese seiner Realisierung gekoppelt. Wahrnehmung geht über in ein unmittelbar vorhandenes und allzeit betriebsbereites Gerät und erweitert mein Gedächtnis um tausende originale Abbildungen. Mit dem Abblitzen des Geschehens – auf Baryt- oder Flashspeicher – kann der Mensch zum Betrachter seiner Erfahrung, zum Modelleur seiner Vergangenheit, zum Meister seiner Biografie werden. Im stets bereiten Posieren vor zahllosen Motiven wird die allgegenwärtige personifizierbare Abbildung zur medialen Form der Person – sie wird sich selbst zum Medium ihrer Selbstdarstellungsgeschichte. Die Pose schiebt sich als Maske vor die Person. Ja, die selbst-ausgelösten Inszenierungen werden schließlich zum (selbst-definierten) Rahmen der Selbstdarstellung. Der Mensch-User wird zu einem Bilde geformt, das durch die elektronischen Codes zustande kommt und von dessen Medien abhängig ist, die sie gewähren. Die wollen auch dabei sein.

2Visualisierung eines Schaltplans (Leiterplatte), 2008, ©Hans Georg Köhler

Eine Hochzeit von Apparat und Bedienung. Als abgebildete und damit beobachtbare – fotografisch inszenierte – Chronik kann der Netzwerk-Mensch eine Differenz zum Prozeß seines Lebens erzeugen. Jedes neue Posting bestimmt die Differenz zum aktuellen Leben neu. In diesem Sinn gehört das Foto-Machen bereits zum Ereignis dazu und ist von ihm nicht loszulösen. Das Fotografieren und Posten gehört zum Erleben des Ereignisses. Bevor es zu dieser neuen medialen Einheit kommt und bevor wir bemerken, dass es so ist, wird zunächst die vergewissernde Abbildungs-Erfahrung durch den Fokus des Fotoapparats eingeleitet, bis es schließlich als wiedererkennbares Substitut existiert. Mit der Bedienung des Auslösers erscheint das Ereignis gemacht – bevor es sinnlich als leibliches vollzogen werden kann. Der Verdacht, dass das Erfahrung-Machen unmittelbar ansteht, noch bevor es eintritt, verführt dazu, alles Passieren in ein jederzeit abrufbares Medium auszulagern. Damit ist die fotografisch überführte Erfahrung regelbar, allzeit aufrufbar, wieder-animierbar geworden. So werden Ereignisse in der Network-Zeitleiste verifizierbar. Das Erfahrungssubjekt ist Dirigent wie Musiker des eigenen Stücks und taumelt zwischen Erfahrung/ Ereignis und einer vom technischen Apparat geforderten Bedienung. Die in dieser Struktur gewonnene Beobachterposition schafft Differenz zum Beobachteten ohne selbst sinnlich betroffen gewesen zu sein. Die Beobachtung 2. Ordnung – ich sehe, dass ich sehe – scheint hier ohne den ersten Schritt des Erlebens auszukommen.

Das kommerzielle Network treibt die technisch-medial bestimmte Normierung von Erfahrungmachen voran. Wenn ich soziale Netzwerke nutze, muß ich sie bedienen. Ich möchte dein Feind sein, aber kann nur like klicken. Die vertrackte Möglichkeit, eine inszenierte Biografie zu verfolgen, führt in das Paradox, das sie nicht mehr stattfindet oder eben fließend wie ein Schicksal, wird der aktuelle Lebenstatus der Vergangenheit angepasst: Man hat es jetzt mit der (distanzierten) Inszenierung, einem Image zu tun, anstatt vorzufindender, zu entdeckender Existenz. Schicksal wird durchs Network-Styling abgelöst. Schillernd und leer. Die medial bestimmte Befugnis über die Gegenwart löst die Konstruktion der Vergangenheit aus. Technik als negative Dialektik. Das gut-gemachte Foto schiebt sich als Fratze vor die Gesichter. In der Verifikation technisch ableitbarer Parameter wird Aufmerksamkeit generiert. Googlecharts sind der Schlagschatten blendenden Lichts in der Kommunikationshöhle. Verxingt bin ich meine eigene Wette auf das Erreichen der Rente – gegen den Einsatz, den Download der Anderen.

Die eigene Referenz auf das Wahrgenommene wird durch wiederholendes Konstatieren von like-buttons relevant. Die Verstärkung des Augenblicks zum medialen Ereignis nimmt existentielle Züge an. Die reproduzierbare Zeitleiste/ Chronik als Pfand gegen eine Teilnahme am Leben, das ein Verschwinden von Zeit ist, weil sie verschwendet wird. Die Wiederholung, das Wieder-Erkennen von sich selbst in Fotos, Chroniken etc. treibt Realisation an und bremst zugleich die Initiation von analoger Realität (= Beziehung), weil ein wesentlicher Inhalt des Lustgewinns (Gewinn als Anwendung der Lust) in der permanenten angestrebten Befriedung des Wiederholten und in der Befriedigung durch das Wiederholen – das, was schon einmal Befriedigung verschaffte – liegt. Die Phänomene werden durch deren saubere technische Reproduktion einer verlustfreien visuellen Wiederholbarkeit unterzogen (= digitale Realität). „Verlustfrei“ deshalb, weil kaum oder keine Informationen erzeugt werden, denn die werbende Form der Selbstdarstellung konstatiert sich selbst: Die selbstverliebten Selfi-nist*Innen bestätigen (mit ihren harten Image-bildenden Wiederholungsprogrammen) ihren Status quo ego. Sofern das Wahrgenommene – ohne das es sich dem Unbekannten offen stellt – sich des schon Gewußten übergibt, sich ins stillende Urteil eines Fotos flüchtet, ist es pathologisch: festgesetzt, erstarrte Form. Angebunden, versponnen im Wann, Wo, Wohin und Wer. Fixierung setzt ein. Stil als Befund ist gefundene Form – sie ändert sich nicht mehr. Form dann als Symptom, als Insel, die Unterschiede abwehrt. Festgesetzt. Das Leben entwickelte sich aus visuell wiederaufrufbaren Erinnerungen, aus intendierter Vergangenheit, die sich auf gemachte (technisch-fotografische) Urteile beruft. Diese Vergangenheit ist, was sich durch gewählte Bilder (Texte) bezeugt werden kann, sonst nichts. Im Wiederwahrnehmenwollen des Schon-Erlebten, Vergangenen schlummert die Begierde zur Wiederholung selbst. Die Quelle ist dasjenige Objekt (und davon erzählt die durch Reproduktionstechnik wiederauffindbare Wahrnehmung), das schon einmal Befriedigung verschaffte. Das Glück ist, dass die Kugel immer wieder ins selbe Loch fällt, die Erfahrung retrospektiv bestätigt wird, und dadurch ratifiziert erscheint. Aber diese Logik erscheint nur richtig, weil sie durch eine retrospek­tive Konstruktion des Gegenwärtigen vollstreckt wird.
Die Wiederholbarkeit von Erleben, von Erfahrung scheint eine Bestägigung wie Beruhigung des waghalsigen Lebens inmitten wackliger Existenz zu sein. Für Melancholiker3Nach Freud können melancholische menschen ihr Objekt der Trauer nicht aufgeben, loslassen.ist die Möglichkeit des lustvollen Wiederauffindens ihrer objekthaften Ersatz-Erfahrung konstitutiv fürs Begehren. Der sichere Ort solch geglückte Erfahrungsobjekte wiederzufinden, die dem sich äußernden Bedürfnis anheimgestellten Objekte zu finden, ist die Erinnerung in der Gestalt einer festgehaltenen Vorstellung. Der Zweck solche Erinnerungen in einem fotografisch festgehaltenen Partymoment zu initiieren, gilt mehr der Wiedereroberung von durch Erinnerung bestimmter Wahrnehmung, anstatt um die Vermittlung von neuer, noch unbestimmter Realität, die noch keinen Erinnerungswert besitzt. Als hätten die Gäste die Gegenwart schon verloren. Aus dem „es wird nie mehr so sein wie jetzt“ ist ein „nie mehr werde ich sein im Jetzt“ geworden. Aber es liegt noch mehr darin: 2010 – die Zukunftfähigkeit eines planbaren Berufslebens schwindet. Mittelfristig kontinuierliche monatliche Geldeingänge können nicht mehr erhofft werden. Die Angst frisst am ängstlich erklommenen Ast nicht getroffener Entscheidungen. Die Läuse zermalmen das Blattwerk beruflicher Sonnenfläche. Ein Ich wie ich reicht nicht über das sich täglich pflanzende Eintagesgewächs hinaus. Noch grün am nächsten Tage/ steht dies Ich nur ein für Erinnerungen an sich selbst. In dieser kurzen Abfolge von Fristen zum beruflichen Erfolg entsteht die retrospektivistische Zeitmaschine. Noch in der abgebildeten Erinnerung kann ich mich mir versichern: als Gewesenes zwar, aber mit lebendiger Erinnerung/ mein letztes Paradies. Die stete Reproduktion während allerlei unspektakulärer Tätigkeit wird so zur Selbstinszenierung und damit zur Rekonstruktion eines Lebensbildes, das nicht mehr stattfindet, aber zumindest wiederauffindbar ist – entgegen der verschwundenen Zukunft. Wenn in der heutigen Arbeit kein Anker für meine Miete für Morgen gelegt werden kann, wird sie sinnlos. Für das sinnlose Geldverdienen gibt es kaum mehr offene Stellen. Die Gegenwart ist zur Frohn für das erinnerbare Gestern geworden. Das Leben geht in dessen Repräsentation unter.

Kategorisiert in: