213, Motor evolutionär: Prothesen und Leidenschaften

Leidenschaft als eine Art menschliche Umsetzung der evolutionären Erbschaft? Mit Hilfe von Apparaten fliegend, tauchend, tötend erkennen wir uns als Tiere wieder, können uns in diesem Grenzbereich unserem Erbe stellen. In Äonen lernen wir uns als Tier von der Leidenschaft gepackt! In Augenblicken brechen wir aus kulturell normativen Fesseln aus: „Im Vorgefühl von solchem hohen Glück/ Genieß ich jetzt den Augenblick.“1Goethe, Faust II, 5. Akt Im Pakt mit dem Teufel oder mit technischen Prothesen können wir vielleicht endlich unsere menschliche Grenze erreichen. Nachdem die technischen Kommunikationsmittel die Leidenschaften ausbeuten halfen – nunmerh können wir jederzeit gefühlsträchtig in sozialen Medien einander anschreien, können uns in umworbenen Film-Produkten genussvoll in die dunklen Seiten unserer Leidenschaften schicken – , sind sie in die Körper hinein verlängert, sinnlich gemacht worden: Aus dem Liebesbrief an sich selbst ist die Smartwatch entwachsen – Herzfrequenz, Puls, Schweiß und Schritte zählend. Die Technik scheint spezifisch empfindsamer gegenüber unseren Sinnen. Diese körper-impliziten Prothesen verfolgen, detektieren unsere Schwächen. Sie ersetzen unser evolutionäres Training, indem sie unsere  mangelnden Sinnleistungen entlasten, unser Gespür in die Cloud outsourcen. Die Abrüstung unserer Sinne wird von der technischen Entwicklung ihrer Sinn-Ersatz-Prothesen angetrieben. Wovon wir nichts zu hören vermochten, wird die elektronische Konserve Hilfestellung geben, was wir nicht mehr sehen oder sehen wollen, zeigt uns das TV.
Eine technische Naturalisierung des Menschen ist im Gange. Wenn wir bis zum Enspiel kommen, werden die Erfahrungen nur noch technisch zertifiziert: Wer nicht veröffentlicht, heißt: wer sich nicht samt seiner Selfines durch die Algorithmen bückt, hat keinen Anspruch auf soziale Existenz. Was jemand ist, verdankt er seiner Erfassung.2Bei Luhmann steht noch: „Was jemand ist, verdankt er der Kontrolle seiner Erscheinung.“ – Was für ein Wunsch! Niklas Luhman, in: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Band II, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998, Seite 1020 Die digital abgelegten Erinnerungen als elektronische Konserve verdrängen die Unmittelbarkeit der sinnlichen Erfahrung: Die tatsächliche menschliche Begegnung. Wir verfügen über technische Abbildungen wie etwas klänge, aber hörten es kaum noch mit menschlichen Sinn. Ja, wir passen uns unseren Prothesen an. Wir sind Hybride – die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine sind wir selbst. Für diesen Menschen entspinnt sich aus dem Naturereignis seiner ureigensten Wahrnehmung (die evolutionären Sinne, wie das Riechen, Schmecken) ein Abhängigkeitsverhältnis zu elektronischen Vermittlungsprothesen. Von da an ist das Laubgeräusch und Vögel wimmelnde Luft eine zu kaufende Serviceleistung. Die Prothese ist zum Fuß gewachsen, der endlich funktioniert. Freiheit als technische Verlängerung des Körpers begriffen.

 

 

Stichwörter: , , , , ,
Kategorisiert in: