275, Geburt, Schmerz und Trennung
„Erst im Schmerz der Trennung tritt das Selbst ins Leben.“1Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 69 Es wird losgetreten, ausgetrieben, ins Leben hineingestoßen. Das Geboren-Werden ist ein erstes Zerissen-Werden. Das intrinsisch-embryonale Subjekt wurde losgelassen: geboren. Das Ich ist nur im Kappen seiner Verbindung mit der Mutter möglich. Eine physische Enteignung vom Mutterleib. Die nächste steht bevor: die soziale Metamophose des Ichs zum gesellschaftlich habituerten Leib.
Ödipus beiderseits
Die erste Liebe außerhalb des Mutter-Kind-Kreises mit einem anderen Liebesobjekt als ein Motiv des Verrats.
Einerseits gegenüber der Mutter: nicht sie, sondern jemanden anderes zu lieben; und andererseits von der Mutter auf den Sohn betrachtet: der empfundene Verlust der Liebe des Sohnes zu ihr. Die Ungeteiltheit mit dem Mutterleib muß sich physiologisch im Körper festgesetz haben, denn die Beschreibungen des Heroin- und Kokoainkonsums zitieren im postnarkotischen Zustand – dem bekannten Katzenjammer – embryonale Körperhaltungen im Bett, auf der Matte, stundenlang.
Soziale Geburt als Selbstspaltung
Entlassen aus dem Mutterleib, befreit von ihm, bewegt sich das Individuum abermals in einen Zustand hinein, indem es – nun im gesellschaftlichen Umfeld – wieder ausgeboren wird: das Marx’sche gesellschaftliche Wesen. Ihm droht wiederholt seine Entlassung in die beziehungslose Freiheit der Produktionsverhältnisse. Statt Selbstverwirklichung öde Selbstspaltung, Entsozialisierung. Ausgestoßen, arbeitslos, ohne Kommunikationsmaterial -oder Medium, gekappt vom gesellschaftlichen Körper als geprägtes soziales Display – die eigene Fresse in social-media feeds stopfend oder hinter ihr herpostend. Selbstzerstörung scheint der gesellschaftlich produktiven Auslöschung zuvorzukommen: Ein florierendes Geschäft etabliert sich am Verschwinden, an der Aufhebung der Zerissenheit: Kaum Brot aber Spiele. Mit Konsum wird der Eingang zur Sucht des Hinwegspülens geschaffen, der Idee folgend, dass die gesellschaftliche Lebensexistenz durch Ablenkung allerlei Angebote gehalten werden kann. Entzug davon droht ständig: Auf sich selbst geworfen zu werden ist die größte Gefahr. Nichts ist so geil wie der Entzug der Wirklichkeit als durch die Konstruktion einer eigenen. Drogen und Konsum ent-ziehen Wirklichkeit, weil sie so mächtig sind, eine andere zu etablieren – Ersatzwirklichkeiten nehmen uns an unseren eigenen Wünschen fest.2„Solche Idylle, die doch ans Glück der Rauschgifte mahnt, mit deren Hilfe in verhärteten Gesellschaftsordnungen unterworfene Schichten Unerträgliches zu ertragen fähig gemacht wurden. […] Im besten Falle wäre es die Absenz des Bewußtseins von Unglück.“ Adorno, Horkheimer, in: Dialektik der Aufklärung, Fischer Verlag, Seite 70 Der gesellschaftlich honorierte Zwang der Selbstbehauptung oder Selbstverwirklichung im Produktionsprozess – ist das nicht gleich? – liefert das Individuum seiner Selbstzertörung aus, denn es sieht sich genötigt, permanent sich zu bearbeiten, sich für sein gesellschaftliches Fortkommen zu designen; sich zu institutionalisieren für die Sklaverei angenommener Wünsche. Adjustment. Hier strickt und hackt es noch mit heißer Nadel, hier löscht es seinen Aufruhr durch die Haut oder Nase. Die Selbstzerstörung schränkt das Blickfeld notwendig ein; wann immer entschieden werden soll, wo und wann zur richtigen Zeit und am rechten Ort die Bearbeitung der eigenen Existens vollzogen wird, muß ein Auge die erlösende Perspektive beibehalten. Die bürgerliche Wirklichkeit ist Behelf, ihr zu entommen. Lasst uns die Masken!
- 1Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 69
- 2„Solche Idylle, die doch ans Glück der Rauschgifte mahnt, mit deren Hilfe in verhärteten Gesellschaftsordnungen unterworfene Schichten Unerträgliches zu ertragen fähig gemacht wurden. […] Im besten Falle wäre es die Absenz des Bewußtseins von Unglück.“ Adorno, Horkheimer, in: Dialektik der Aufklärung, Fischer Verlag, Seite 70