208, I like Marx

Passage 1

„Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“1Karl Marx, in: MEW Band 3, Dietz Verlag Berlin 1990, Seite 21

„Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. Die gesellschaftliche Gliederung [Funktionsbereiche bzw. Ebenen gesellschaftlicher Tätigkeiten] und der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozeß bestimmter Individuen hervor [d. h. sie verändern dauernd die Formen ihres Verhältnisses zueinander]; aber diese Individuen, nicht wie sie in der eigenen oder fremden Vorstellung erscheinen mögen, sondern wie sie wirklich sind, d. h. wie sie wirken, materiell produzieren [Leben äußern und oder veräußern müssen], also wie sie unter bestimmten materiellen und von ihnen willkürlichen Voraussetzungen und Bedingungen tätig sind.“2Karl Marx, in: MEW Band 3, Dietz Verlag Berlin 1990, Seite 25 Ihr Wirken, oder ihre materielle Produktion als Lebensäußerung verlangt das Leben selbst zu entäußern. Der Mensch ist, um seiner organischen Erhaltung willen, hierin bestimmt, sich in die Außen-Welt, in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu verschieben. In diesem ihn bedingenden Stoffwechsel veräußert sich das bürgerliche Ich.3Bevor das Ich sich der Frage aussetzen kann, ob es etwas (Lustversprechendes) ver-einnahmt, verinnerlicht oder „ausspuckt“, „alles Schlechte von sich wirft“, nach außen bringt – entäußert, unterliegt es bereits dem Zwang zu verinnerlichen, zu habituieren: als Produktivkraft, als Angestellter das und das zu tun, bzw. sich als Produzent zu entäußern: seine Lebenskraft, seine Organe. Die Objektbildungen – wer oder was ermöglicht die Einlösung eines Befriedigungswun-sches – sind daher wesentlich von seinem gesellschaftlichen Bestimmungsort abhängig. vgl. Sigmund Freud, in: Die Verneinung, Band III, Österreichische Bibliothek, Verlag Volk und Welt 1989, Seite 129 f

„Die Vorstellung, die sich diese Individuen machen, sind Vorstellungen entweder über ihr Verhältnis zur Natur, oder über ihr Verhältnis untereinander, oder über ihre eigene Beschaffenheit. Es ist einleuchtend, daß in allen Fällen diese Vorstellung der – wirkliche oder illusorische – bewußte Ausdruck ihrer wirklichen Verhältnisse und Betätigung, ihrer Produktion, ihres Verkehrs, ihrer gesellschaftlichen und politischen Organisation sind. Die entgegengesetzte Annahme ist nur dann möglich, wenn man außer dem Geist der wirklichen, materiell bedingten Individuen noch einen aparten Geist voraussetzt. Ist der bewußte Ausdruck der wirklichen Verhältnisse dieser Individuen illusorisch, stellen sie in ihren Vorstellungen ihre Wirklichkeit auf den Kopf, so ist dies wiederum eine Folge ihrer bornierten materiellen Betätigungsweise und ihrer daraus entspringenden bornierten gesellschaftlichen Verhältnisse.“4Karl Marx, in: MEW, Band 3, Dietz Verlag Berlin 1990, Seite 25, im Original gestrichen

„Die Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“5Karl Marx, in: Deutsch-Französische Jahrbücher (1844), Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphiloso-phie. Einleitung, MEW 1, Seite 378

Passage 2

… and Kunst likes me
Wo die Spekulation über die Wirklichkeit aufhört, weil sie in Bildern ausgemalt – angeeignet – wird oder sie mit individuellen Erfindungen ästhetisch-produktiv gemischt wird, gebärt sich der Mensch als ästhetisch humane Spezies, beginnt die Kunst. Das jeweilig in der Beobachtung formal Erkannte – als differenzierte Form und die Differenzierung der Form als Modell der Differenzierung zugleich – folgt den ausdrucksmäßigen Möglichkeiten des Beobachters: beide – Beobachter und Gegenstand – zusammen bestimmen das ästhetische Medium als Tätigkeitsfeld. Wer Blaumeißen zuhört, mag das Gehörte in Töne transformieren, wer menschliche Bewegungen studiert, wird vielleicht Zeichnungen oder Plastiken fertigen. Die ästhetische Produktion schafft also nicht nur ein Artefakt für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für das Artefakt. So findet die transformative Begegnung zwischen Beobachter und Beobachteten ihre gemäße Darstellung (immer als Form) im produzierten Artefakt und damit den formbaren funktionalen Zusammenhang von individueller Ästhetik als Forschung nach allgemein menschlichen, übergreifenden Merkmalen. Mindestens bringt das ästhetisch empfundene oder geformte Artefakt etwas Begriffenes als Beobachtetes zum Ausdruck und stellt es zugleich wieder zur Beobachtung aus. Im Begriffenen – das heißt in der künstlerischen Auseinandersetzung stets: im Gemachten – kommt die (ästhetische) Verwandlung des Gegenstandes zum Ausdruck: dialektisch als Gegenstand des Ausdrucks wie als ästhetisch geformter Ausdruck des Gegenstands. – In ihm werden die Zerstörungen des Gegenstandes zugunsten menschlicher Ausdrucks -und Aneignungsweisen versammelt.
Das die Darstellungsfunktion in der Kunst gesellschaftlich nicht zielorientiert, wohl aber auf die zu erfindende Form zielend arbeitet, weißt sie als wirksamen wie wirklichen Moment aus: Das Ringen um ästhetische Formen, die Lebensdinge als (ästhetisch) formbar zu erkennen und zu betrachten – jenseits fiskalischer Interessen, sondern im sozial-plastischen Sinn. Sich als Individuum in die Fließbänder, Reinigungskräfte oder Kunden-Agenten einzupressen, erscheint einer Vielzahl gesellschaftlicher Individuen nicht als Arbeitsbiografie erstrebenswert. Der täglich erlebte Flexibilitätsstress, das Rollenspiel in den Organisationsformen der Arbeit usw. verspricht nichts weniger als ein sinnloses Dasein mit bezahlbarer Beerdigung. Die gesellschaftlich verbindliche Utopie setzt Staub an: fürs Kämpfen reichts nicht mehr, der Solipsismus ist trotz nicht erbrachter Poeme schon zu groß. Die Kunst in ihrem monadischen Gefechtsstand – im Einverständnis zukünftig kleiner werdender Rationen – ermöglicht noch Aussichten: Sich selbst mit dem vermeintlich eigenen gesellschaftlichen Versagen und der gesellschaftlichen Kaputtness zu beschäftigen, d. h. sie als Form zu gestalten und: betrachten zu können.

Wie, ist zu fragen, kann jenes produzierte Bewusstsein hinter seinen Rücken sehen? „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“6Karl Marx, in: MEW Band 13, Dietz Verlag Berlin, Seite 8
Das vom Sein bestimmte Bewusstsein reproduziert nicht nur das ihn bestimmende Sein (im rechtfertigenden Sinn, ideologisch), reproduziert nicht nur sein überbauliches Bewusstsein, sondern auch sein (bereits determiniertes) Bewusstsein über das ihn bestimmende Sein. Das „selbstische“ Bewusst-Sein nimmt also unmittelbar an seiner Veränderung durch die Veränderung des gesellschaftlichen Seins teil. Es entwickelt in seiner ambivalenten Bestimmungskraft und Freiheit eine über sich selbst als über sich hinausgehend zu fassende Tätigkeit. Der menschlich-bewusste Sinn, sich von seinem es bestimmenden Sein abzuheben, sich davon zu revolutionieren, ist also stets an es gekettet. Abstrakt betrachtet, ist es seine menschliche Praxis selbst, die ihn verändert, unterdrückt, indem sie ihn und er sie verändert und erlebte Widersprüche auf sie zwingt. Unsere Forschung/ Kunst soll der bewusste Ausfluss ökonomischer Seinsverhältnisse sein. Mit der Gefahr in der Entleerung sich aufzulösen.

 

 

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