# 8 / Identität & Nabel

Was bedeutet Identität? Eine Übereinkunft mit der Biografie, den erlittenen kulturellen, sozialen, sexuellen, finanziellen Beschränkungen/ Möglichkeiten oder die gelebte Differenz, die Abgrenzung von all dem?1„Identität, Einheit, Übereinstimmung, gegenseitige Infiltration, gegenseitige Durchdringung, wechselseitige Abhängigkeit (oder wechselseitige Bedingtheit), wechselseitige Verbundenheit oder wechselseitiges Zusammenwirken – all das sind verschiedene Ausdrücke für ein und denselben Begriff, der sich auf folgende zwei Umstände bezieht: 1. Im Entwicklungsprozeß der Dinge setzt jede der beiden Seiten des jeweiligen Widerspruchs die Existenz der anderen, ihr entgegengesetzten Seite als Bedingung ihrer eigenen Existenz voraus, wobei beide Seiten in einer Einheit koexistieren. 2. Jede der beiden entgegengesetzten Seiten verwandelt sich unter bestimmten Bedingungen in ihr Gegenteil. Eben das heißt Identität.“ Mao Tse-Tung, in: Ausgewählte Werke, Band 1, Verlag für Fremdsprachige Literatur, Peking 1968, Seite 396Als Übereinkunft und Verknüpfung des Ich-werdenden-Subjekts mit seinen gewohnten Strukturen verstanden, wäre Identität lebenslange Konstituierung des Mangels, eine selbstauferlegte Beschränkung, um mit Beschränkungen, Erwartungen (regulierend) auszukommen. Der identitäre Mensch ist gefordert, sich sein am gesellschaftlichen Erwartungs-Design perfektioniertes Spiegelbild als Gegenbild seiner Erwartungen in sich auslöschend einzubrennen. Identität ist nur Futur – ein etwas zu Erreichendes, eine Art Struktur permanenter Differenz. Identität – mit sich selbst? – kommt nicht zu Stande. Der Begriff der Identität ist eher Ausdruck von stabilisiertem Mangel, permanenter Differenz und nicht Übereinkunft, oder eben als Übereinkunft zur gelebten Differenz. Etwas nicht zu wollen, jemand nicht zu sein, das Feuer zu löschen, Brandflecke bekommen, das Sterben verhindern, die Zeit mit dem Schönen zu töten2Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Metzler, Seite 43: „Das Schöne also tötet die Zeit.“– ist das Identität? Markiert das Aufbegehren, das Abgrenzen Identität? – Als eigenes Begehren? (Feuerwehr, Polizei, Medizin – Berufsfelder, in denen etwas nicht gewollt wird: Feuer, Unordnung und Krankheit/ Sterben). Befreiung von ein- oder vorgeübten Mustern als Probe auf einen selbstischen Gang offenbart sich dem Individuum als Schnitt gegen das Gewohnte und kläckert schweißtropfend in das soziale Umfeld hinein. Im Kampf des Ich gegen sein gesellschaftlich produziertes Spiegelbild, gegen die ihm unterstellten Identitäts-Muster, erwächst das von ihm errungen Abgeschlagene zu einem ihm entrissenen Lebensraum. In fremder Umgebung geht man wieder in die Kirche. Das glücklich abgeteilte, sich abteilende Individuum trägt noch die Teilung – das Abschneiden, Kappen – als Mal bei sich weiter. Wer kann schon von sich loslassen und seinen verwundeten Körper liegen lassen. Mich ereilt nicht nur die Stunde der geteilten Nabelschnur, ich trage fortan die Narbe und verweile an der geschlagenen Verbindung. Loslassen ist Geschnittenes. Nicht: a = a, sondern: a/a (a geteilt duch a).

3meine Fäuste im Kopierer, HGK 1999

 

 

 

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