243, Ausscheiden aussprechen: faschismus als Rationalisierungsversprechen

Das industriell entfesselte, produktive Verhältnis zur Selektion zugunsten der Produktivität – oder nüchterner formuliert: die systemimmanente Ausdifferenzierung der Gesellschaft auf allen Kommunikationsebenen – wird in Vorgängen des Abschneidens, Rauswerfens, Ausstoßens qualifiziert. Es zeigt sich in der sprachlichen Nähe zu Sätzen wie: Die schlechten Zweige zuerst abschneiden, die faulen Äpfel vor allen anderen… und kulminiert in Sätzen über die Alten und Schwachen, Frauen und Indigenen, die dem Produktionsprozess nicht profitträchtig genug zuzuführen sind und daher (- so die faschistische Ideologie) zuerst in die Wüste, die Gaskammer, in die Anstalt u. d. m. geschickt werden sollen. Es ist mittlerweile Usus diese unmenschliche aber produktivmächtige Machtstruktur solcher rationalisierter Unmenschlichkeit als angewandte Rationalität im Sprachgebrauch zu den Mündern oder im Munde zu führen: Die Rede ist vom Sich-Verkaufen. Der Mensch verschwindet oder versteckt sich hinter der ihm zugewiesenen und gleichwohl von ihm antizipierten Funktion in rational anmutenden Begriffen. Wie ist das fürs Denken differenzierbar und wie hält sich das „bessere Wissen“ über die Funktionalismen gegen seine anders sprechende Zunge aufrecht? Wie repräsentiert sich dieser Konflikt intern, bildet er sich organisch ab, bzw. wird er psychisch als Begrifflichkeit abgelegt?
„[…] aber hier, wo diese Begriffe ja nicht nur die Begriffe des Denkens sind, sondern auch Begriffe, die in das Rechts- und Sozialsystem eingedrungen sind und dort ihren Platz haben, das heißt Handlungsanweisungen sind, um die man gar nicht herumkommt. Man kann ähnlich wie die Schizophrenen hier zwar auf zwei Ebenen spielen und versuchen, das nach außen hin zwar zu tun, aber für sich selber eine zweite Dimension zu reservieren und die offizielle Begrifflichkeit einfach auszuklammern. Aber man wird immer wieder die Erfahrung machen, daß man solche Positionen nicht durchhalten kann.“1Erich Wulff: „Ethnopsychatrie darf keine Rechtfertigungswissenschaft für die psychiatrische Krankheitslehre sein“ in: Das Fremde verstehen, Qumran, Frankfurt am Main und Paris, 1982, Seite 68
Die erzeugten Bedeutungen, die kognitiven Erfahrungen in der menschlichen Gesellschaft vermitteln einen lebensfeindlichen Kontext zwischen der erarbeiteten Repräsentation2vgl.: Interne Repräsentationen – Neue Konzepte der Hirnforschung, Hrsg. Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt und Olaf Breidbach, stw 1277, Seite 45, 26 f des unmittelbaren Lebensraumes und der widersprüchlich, widerständig abgeleiteten, eingeleiteten Lebensreaktion des menschlichen Subjekts. Funktionalistische Begriffe werden wie ein Schild benutzt um gleichsam sich unter ihnen wegzuducken. Dieses Schwachsein ist menschlich und soll aufhören. (Brecht, „Fatzer“) Den Vorgaben der Rationalisierung wird überantwortet, wozu der betroffene Mensch seine Positionen im Dschungel der Verhältnisse erst finden muss.

 

 

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