247, schizophrene Booster

„Die Entwicklungsgeschichte der Schizophrenie [ist] nicht als individualistische Deformation, sondern als komplizierter Interaktionsprozeß zu fassen.“1vgl. Caspar Kulenkampff, in: Schizophrenie und Familie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, Vorwort
Die Behandlung der Schizophrenie erfordert, den Menschen in seinen Produktionsverhältnissen, d. h. in seinem sozialen Austausch aufmerksam wahrzunehmen, sowie den als schizophren beurteilten als ebenso wahrnehmendes Wesen zu respektieren. Das bedeutet, dass Wahrnehmungen über jene Verhältnisse, dass Wahrnehmungen des Austauschs entstehen, welche die (psychisch angeschlagenen) Menschen auch beeindrucken und schließlich deformieren können. Die Phänomene werden pathologisch, manifestieren sich im Nervenkostüm. Die jeweiligen Auswirkungen, Beeindruckungen sind demnach keine bloßen Verrücktheiten mehr, sondern vornehmlich pathologisch festzusetzende kommunikativ ausgelöste Verhaltenskrankheiten,2vgl. Caspar Kulenkampff, in: Schizophrenie und Familie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, Vorwort die ohne die pathogen-soziale Interaktionsstruktur nicht zu fassen sind. Die schizophrenen Verhaltensformen sind ein nervaler Reagenz zur gesellschaftlichen Schnittstelle sozialer Interaktion. Die imperative Forderung nach sozialer Flexibilität kollabiert am Überfluss der Möglichkeiten und sozialer Indifferenz: die Möglichkeiten vielfältiger Bedeutungshaftigkeit erschwert die soziale Positionierung des sozialen Individuums. Das Treffen einer Entscheidung scheitert an der Komplexität der wahrlich zugemuteten, aber nicht zu kontrollierenden Möglichkeiten. In jeder sozialen Form lauert eine Umkehrung von Bedeutung: Das Vermeintliche der Bedeutung scheitert am indifferent wahrgenommenen Gemeintsein. Das Verhalten ist zurückgeschleudert auf die eigene, isolierte Entscheidungssituation: Der Kontext von sozialer Interaktion bricht zusammen, weil keine individuell abgesicherte Bedeutungshoheit zustande kommt.

In der kommunikativen Anpassung an die industrialisierten Sprach-Rationalität werden Zwangssituationen hervorgebracht und trainiert und schließlich optimiert. Hier entspricht der Funktionalismus der psychischen Defekte – oder das, was psychisch ausagiert wird – dem zu bearbeitenden empirischen Feld bzw. den rationalisierten sprachlichen Räumen, die “allen Tatsachen gleichermaßen ihre vorgefaßte Einstellung überstülpen.“3vgl. David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Rubrecht Göttingen, 1991, Seite 65 Was der Erhaltung des individuellen Innenraumes vor dem gesellschaftlichen Außen als größtmögliches Verteidigungsareal dient – die solipsistische Ideologie über die individuell ausgeprägten Möglichkeitsvorstellungen oder deren Deformationen, Krankheiten –, steht im instrumentalisierten sozialen Kommunikationsbetrieb vor der Aufgabe, das gefährdete Innen aufzugeben, um das latent Produktive der Deformationen für den Betrieb einzusetzen und zu nutzen. Survival of the madmen.

Das Ausgeliefertsein des Subjekts an sich selbst in der Falle seiner psychotisch verstümmelten Selbstbehauptung verspinnt das Subjekt dazu, sich gegenüber nicht detektierbaren Interaktionen zu verschließen. Dieses Ich, das sich durch sich selbst bedingt und will, bewegt sich auf dem schmalen Grad von Determiniertheit und Auserwähltheit (Größenwahn); es steht an vorderster Front seinen Ansprüchen gegenüber.
„Eine Gesellschaft, die auf der demokratischen Selbstverwirklichung des einzelnen Menschen aufgebaut ist, ist menschenverachtend, zynisch, nostalgisch, selbstverliebt, menschenmachtsfanatisch und dem Untergang geweiht. Wer als Künstler der >>Demokratie<< oder irgendeiner anderen von Menschen gemachten Regierungsform dient, dient leider nur der Menschensucht, der obszönen Menschenzucht, dem >>Wahn-ICH<<…“4Das weiß auch Jonathan Meese, in: Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst, Hrsg. Robert Eikmeyer, Suhrkamp Verlag Berlin 2012, Seite 518

Künstlerische Arbeit
Das künstlerische Abreagieren als Transformation von Erfahrungshaushalt in Formengestalt erfährt hieraus eine symptomatische Zeigefunktion. Es zeigt eine ästhetisch-agierende Ausflucht aus dem Zustand des als zerstörerisch erlebten Kommunikationsprozesses. Künstlerisches Agieren öffnet das Portal zum Selbst für die unbeantworteten sozial determinierten Gestaltungsfragen. Das Fliehen aus den sozialen Kontexten lässt sich mit ästhetischen Mitteln sinnstiftend gestalten. Hier werden Erfahrungen über sich gemacht durch das selbstische Herstellen von ästhetischen Zusammenhängen zum Selbst. In der Erfindung eigener Wahrnehmungsakte ist eine Produktion mit sich, oder eine Existenz des Ich möglich.5vgl. Daniel C. Dennett, in: Ellenbogenfreit. Die erstrebenswerten Formen freien Willens, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim, 2. Auflage 1994, Seite 60
Ästhetisches Handeln als Prozess, mit Erkenntnis fertig zu werden; nichts mehr instrumentell wissen zu müssen. Zweifach: Ästhetisches Handeln als Widerstand gegen die Instrumentalisierung der Erkenntnis und als Erkenntnisprozess der Instrumentalisierung.