294, Paranoide Phantasie – Die Antwort auf fast alles
Phantasie: Die Vorwegnahme des Ungewussten. Als spielerische Begegnung.
Paranoia: Als das Stehen an beiden Ufern und durch den paranoischen Körper strömt der Fluss.
Übersetzen: Von einem Ufer zum anderen, den Fluss queren. Die Ränder tauschen.
Überschreiten: Die Möglichkeit der Vorstellung des anderen Ufers ist Bedingung für die Möglichkeit des anderen Ufers.
Die Vorstellung eines anderen oder von etwas außer mir Seienden ist eine Zuschreibung des anderen durch die über ihn vorweg genommene Beschreibung und nimmt bereits dessen So-Sein vorweg. Das dem anderen prophetisch Vorweggenommene richtet den Vorstellenden auf den anderen und das auf ihn Kommende mit ihm ein. Vorwegnahme (Antizipation) impliziert die Determinierung des noch nicht Tatsächlichen durch den Vorstellenden auf das Vorgestellte. Es wird vorweg bereits etwas gegen das Unvorstellbare als angenommen genommen. Vorstellen bedeutet ein assoziativ-begriffliches Vorwegnehmen, es ist kein über die Wirklichkeit des Vorgestellten tatsächliches Wissen. Dass heißt, es als das Vorgestellte, das Eingebildete für sich als Realität zuzulassen. Jenes Vorstellen gewährt, die Entfernung zum Objekt zu bestimmen, indem es früh begrifflich angegriffen wird. Etwas sich vorzustellen (einen Berg sich auszumalen), bedarf anderer Qualitäten als über etwas nachzudenken (wie besteige ich ihn). Die Gedanken sind nicht frei, wenn sie nicht vom Nachgedachten befreit werden. Was nicht angenommen werden kann, muss vorweggenommen werden. Was nicht wahrgehabt sein soll, muss verneint werden.
Vorwegnehmen: Vor-Urteile produzieren
„Das Warhgenommen oder das Gedachte, die Entscheidung oder das Urteil ist jeweils eine Bestätigung oder Zruückweisung einer Hypothese (eines <<Vor-Urteils>>) innerhalb eines mentalen Bezugssystems, das in einem gegebenen Augenblick besteht. Solche Hypothesen [Vor-Annahmen, HGK], die unser Wahrnehmen und unser Denken bestimmen, bestehen in jedem Augenblick. Hier leigt eine Automatik von Hirnprozessen vor, der sich keiner entziehen kann, von der wir nicht absehen können. Mentale Hypothesen gehören zu uns wie das Atmen. Es ist nur wichtig, dass wir wissen, dass iwr stets mit solchen Bezugssystemem – also Vorurteilen – leben.“1Ernst Pöppel, „Komplexität und Reduktion im Nervensystem“, in: Daniela Rippl und Eva Ruhnau (Hrsg.). Wissen im 21. Jahrhundert. Komplexität und Reduktion. Wilhelm Fink Verlag München 2002, Seite 42
Wenn die Vorurteile sich verfestigen und nicht mehr auf andere Möglichkeiten hin geprüft werden, implodiert die Wahrnehmungswelt zu einer stets schon vor-verurteilten Welt. Die mit der gemachten Erfahrung abzugleichende mentale Situation gerät in eine pathologische Renitenz vor neuen Erfahrungen, Wahrnehmungen. Die vorweggenommenen Szenarien des paranoid agierenden Beobachters sind modellierte Erwartungen an die Zukunft zugunsten der Stabilisierung der Gegenwart, um sie im Sinne erwarteter Ereignisse zu konstruieren. Man schmuggelt sich in einen anderen Weltzusammenhang, um dem angenommen befürchteten zu entweichen.
Vorstellungskraft zu haben, leistet Hilfe, sich an – angenommene – Möglichkeiten anpassen zu können. Phantasie begabt ist man daher, weil es eine konkrete Vorstellung von dem Punkt gibt, von dem man sich weg-bewegt. Vorwegnahme – im weiten Sinne: Hellseherei – bedeutet hier ein Modus der Modellierung der Existenz im Zukünftigen. Das Noch-nicht-seiende (die noch nicht eingedrungene Wirklichkeit) wird vorweg – vor ihrem Weg – genommen als ein schon innerlich Erkanntes: es wird in die Vorstellung geholt, um das, was noch nicht ist, sich näher an das Auge zu bringen oder um dem noch nicht seienden, aber befürchteten Ereignis auszuweichen. Was dort in dem vorweg genommenen Szenario sein kann, wird im Hier schon vorbereitet.
Die intellektuelle Vorwegnahme legt einen Bann auf die Gegenwart. Sie quetscht die Gegenwart zwischen dem entflohenen, aber befürchteten zukünftigen Sein, und dem nicht bekannten Fluchtort aus. Was nehm ich vorweg, und wohin nehme ich es mit?
Transzendenz als Gefahr
Die Vorwegnahme eines so und so befürchteten, prophetisch kalkulierten Phänomens steigert sich zur kognitiven Präsenz des Vorweggenommenen, zur realen Fata Morgana und wird zur Annahme einer befürchteten Erkenntnis bzw. Wahrnehmung, die die Existenz zu übersteigen droht.
Von hier an verspinnen sich die Begrifflichkeiten. Im Vorwegnehmen spielt das Vorstellenkönnen als Begabung eine Rolle. Ohne das Bewusstsein einer bestimmten Möglichkeit (im Fußball als ein Paß in die Tiefe) kann eine bestimmte Richtung der Vorwegnahme nicht eingenommen werden, kann das Vorwegnehmen eines Ereignisses eine bestimmte Richtung nicht auf- oder einnehmen. Der Gefahren-Instinkt als Erwartungshaltung kommender Gefahr besagt, dass die Vorstellung der Möglichkeit von Gefahr pro-aktiv ist. Die durch instinktives Gespür >>vorhergesehene<< Gefahr, wird durch die von ihr ausgelösten Fluchtbewegung versucht zu entleeren. Das tatsächliche Eintreten kann nur durch eine vor-zeitige Flucht vorweggenommen werden. Das scheint dem Paranoiker die einzige Chance zu sein. Die Ableitung der Vorstellung ist Vorwegnahme. Das Bewusstsein der persönlichen Leidensgefahren treibt so das Individuum in die Flucht. Die Vorwegnahme des eigenen Furchtraumes korreliert hier mit dem Freud’schen Begriff der Verdrängung. Verdrängung ist insofern Vorweggenommenes, dass sie als Simulation des Schmerzes das Ereignis aus der kognitiven Welt wegnimmt. Sie ist bewusst gemachte Erfahrung einer möglichen Gefahr, die sich nicht wiederholen soll.
- 1Ernst Pöppel, „Komplexität und Reduktion im Nervensystem“, in: Daniela Rippl und Eva Ruhnau (Hrsg.). Wissen im 21. Jahrhundert. Komplexität und Reduktion. Wilhelm Fink Verlag München 2002, Seite 42 ↩︎