194, Entfremdung II – nach Lafargue (La droit à la paresse/ Das Recht auf Faulheit)

„Entfremdung ist die Einsetzung des Fremden in dir selbst.“1Christa Wolf, in: Was nicht in den Tagebüchern steht, Verse, Hrsg. Gerhard Wolf, Radius Verlag Stuttgart 2017, Seite 38

Die durch Entfremdung – entfremdende Arbeit – entstellten Menschen sind Sprenglöcher ihrer eigenen psychologischen Steinbrüche: Veranstaltungen der Arbeit.

Fabriken, Unternehmen als Zuchtbetriebe; Zucht (Prägung als corporate identity) schon im Sinne des Betriebs strukturiert.

Der Zwang zur Arbeit nähert sich folgerichtig einem totalitären Arbeitsbegriff, dem das ganze Leben unter-ordnet wird und nimmt den Charakter von Zwangsarbeit offen an. Man spricht auch schon von der Arbeit in der Beziehung. Der Zwang zur Befreiung durch Arbeit – Arbeit macht frei – steht eingeschweißt im KZ-Tor. Der entsprechende gedankliche Abfluß solcher Herrschaft findet sich in der Religionisierung, in den metaphysischen Überfrachtungen auf den gesellschaftlichen Begriff der Arbeit wieder. Das Recht auf Arbeit verbrieft das Elend und ist die Chance ihm zu entfliehen.
Bei der immensen Produktion der Unfreiheit durch Arbeit, gilt es, nur durch sie hindurch frei zu werden. Arbeit macht frei – frei von allen menschlichen Ansprüchen. Das Recht auf Arbeit trägt darin ein verräterisches Stigma. Das revolutionäre Ziel – die Befreiung von dem viehischen Zwang zur Arbeit – scheint nur erreichbar zu sein durch die viehisch-heroische Arbeit an ihrer Überwindung. Das geforderte Recht auf Arbeit bedeutet, die Versklavung des sozialen Umfeldes, also alle Beziehungen und Kontakte in die von den Produktionsverhältnissen bestimmten Arbeitsverhältnisse einrechnen zu müssen. Networking. In dieser Form produziert die versklavte Familie ihren Untergang, ihre Verstümmelung „eigenverantwortlich“ mit. Die Nachkommen müssen sich der verweigerten Kämpfe ihrer Ahnen bewußt werden – es gebührt ihnen Dankbarkeit und die Übernahme ihrer Schuld. Nicht das hiesige Leben ist Erfüllungsort der Utopie, denn sie wird den erpreßten Nachkommen hinterlassen. Die falsch formulierte Forderung – als das Recht auf Arbeit – um  menschliches Leben zu gewähren, liefert die Arbeitenden dem Stoffwechsel der Industrie aus, liefert alle menschlich bestimmten Ideen, Daseinsformen an die mitgetragene Entkörperlichung aus.
Das soziale Leben einer Familie, einer menschlichen Beziehung muß untergraben werden für die Lebensfähigkeit derselben.2„Dieselbe Arbeit, welche die Proletarier im Juni 1848 mit den Waffen in der Hand forderten, haben sie ihrer Familie auferlegt; sie haben ihre Frauen, ihre Kinder den Fabrikbaronen ausgeliefert. Mit eigener Hand haben sie ihre häuslichen Herde zerstört, mit eigener Hand die Brüste ihrer Frauen trocken gelegt. […] mit eigener Hand haben sie das Leben und die Kraft ihrer Kinder untergraben.“ Paul Lafargue, in: Das Recht auf Faulheit und andere Satiren, Querdenker Stattbuch, Seite 16 Die bürgerlich beanspruchte Familie löst das falsche Versprechen ein, sich stets neu ihren Tod aufzuerlegen: Bis daß der Tod Euch scheidet. Im Kapitalismus übernimmt die Arbeit diesen Job. Dies permanente Scheiden ist die Werkbank, wo menschliche Beziehungen in der Steuererklärung als versachlichte Beziehung in Steuerklassen oder Zugewinngemeinschaften aufgelöst werden. Die bürgerliche Familie löst die Formen der kapitalistischen Verhältnisse als psychologische Stoffwechselendprodukte ein. Sie ist das psychotische Emblem der Anstalten und Krankenhäuser. Ihre Zukunft ist ihr Sterben: im Säurebad der Produktionsverhältnisse, d. h.: die Familie wird durch das die Produktion begleitende Rechtssystem in verschiedenste Institutionen, Anstalten und Krankenhäuser, Altenheime ausgelagert.

Das Recht auf Freiheit (als soziale Verwirklichung) nimmt nur als Klage, als ihr nicht konkret verwirklichter Zustand den Umweg über das Recht, die eigene Freiheit bezahlen zu können – ob nun die ersehnte Kreuzfahrt oder der SUV: man muß zahlen. Es ist eine bürgerliche Forderung nach Unabhängigkeit – eine Freiheit, die nach dem Leistungsprinzip, dem sogenannten Recht des Stärkeren, des Besserverdienenden, entschieden und gekauft wird. Die Allgemeingültigkeit bürgerlich-westlicher Postulate über Freiheit, Unabhängigkeit etc. sind nur ganz allgemein – also: ganz gemein – gültig, sie sind abstrakt. Sie sind politisch-ideologisch wirksam, aber sie sind nicht sozial.
Die bürgerliche Rechtsordnung schafft die weichen Stellen, in die das bürgerlich bestimmte egoistische Eigeninteresse eindringen kann und worin es die durch das bürgerliche Recht gewährten auszubalancierenden Überschreitungen aller gegen jeden feierlich rechtskonform kalkuliert. bellum omnium contra omnes. Selbstverwirklichung einzufordern – ohne sozial einzuwirken – ist ohne Gesellschaft barbarisch und erlangt ohne gesellschaftliche Vermittlung zwischen den Selbsten nur kriegerische Wirklichkeit. Die Subjekte löschen sich einander aus, um im Akkord des kapitalistischen Chansons eine Marke, ein Ton bleiben zu können. „Jeder ist seines Un/ Glückes Schmied. Das Arrangement der Privatheit hat diesen Sinn. Es entfesselt die Individuen zur Durchsetzung gegeneinander. Auf allen Lebensgebieten setzen sich antagonistische Tüchtigkeiten durch, also Handlungsqualitäten, die sich spezifisch auf antagonistische Erfolgsbedingungen einlassen. Dieses Private ist das Politische, das sich am vollständigsten entfremdet ist.“3W. F. Haug, in: Philosophieren mit Brecht und Gramsci, Argument, Seite 93 Der Teufel schlägt vor, an der Barbarei teilzunehmen, um sich ihr nicht zu überlassen.