259, Modelle beschreiben – Phänomene verstehen

In den ersten Momenten der Beobachtung eines Phänomens, in der Begegnung mit einem Gegenstand konstruieren wir zuerst grobe, eingeschränkte (aufgrund unserer mangelnder Kenntnis) – wie den Gegenstand einschränkende Modelle. Wir montieren aus diesem „Erste-Hilfe-Set“ gewöhnter Erfahrung erste Annahmen und erstellen daraus reduktionistische Wegweiser auf bekannten Pfaden, um – in der Metapher bleibend – das neue Territorium zu beschreiten, das heißt, beschreiben zu können. Wir simulieren Phänomene mit induktiven Annahmen. Wir greifen mit Modellen vor, in dem wir auf eine erwartbare Welt zurückzugreifen: Wir generieren Möglichkeiten (aus der Vergangenheit), damit wir uns auf sie (Morgen) einstellen können. Die vorerst vom Phänomen abstrahierenden Annahmen speisen sich aus löchrigem Wissen, unpassenden Erfahrungen oder anders: groben neuronalen Netzen und aus „früher erworbenen semantischen Wissen.“1Vgl. Herbert A. Simen, in: Die Wissenschaften vom Künstlichen, hrsg. von Rolf Herken, Band III, Verlag Kammerer & Unverzagt Berlin, 1990, Seite 85 Die Redundanz der Erfahrung wird zu Mustern in Modellen zusammengefasst. Ein Modell als Regel verstanden, in dem Regeln konstruiert sind, um „Regelmäßigkeiten“ in den geregelten Ereignismengen zu konstruieren.2vgl. O. Wiener, in: Kambrium der Künstlichen Intelligenz, Nachwort, Seite 183, in Herbert A. Simon, in: Die Wissenschaft vom Künstlichen, Springer Verlag Wien, New York, 2. Auflage, 1994
Das kognitive Hantieren, der Kommunikationsprozess im kognitiven System des Neuronalen Netzwerkes entsteht aus einem steten Interagieren mit der Umwelt: Im Beschreiben verleiben wir uns mit ihr. Im Beschreiben der Umwelt, schreibt das Beschriebene sich in den Beschreibenden ein: Das Beschreiben selbst schreibt sich als Modellierung in den Beschreibenden phänomenal ein. Wie aber ist das Beschreiben aus der Beobachterperspektive zu verstehen? Hier werden Modelle (als begriffliche Vorannahmen gefasst) konstruiert, um der Beschreibung von Gegenständen (Formen) Herr zu werden. Die Beschreibung eines Gegenstandes als Verhalten wie Verhältnis zu diesem Gegenstand erfordert modellhafte Strukturen in Beschreibungsvorgängen selbst. Wir sprechen in syntaktischen Ordnungen und transformieren den wahrgenommenen Gegenstand in kommunikable Ereignisse, um Austausch mit anderen Beobachtern und uns selbst zu ermöglichen. Schon die sprachlichen Modelle (syntaktisch, semantisch und pragmatischer Art) sind konstitutiv für den Beobachter wie für das Beobachtete (den Gegenstand der Beobachtung). Die Beziehung zwischen einem Modell der Beschreibung und der Modellierung des Beschriebenen ist funktional konstitutiv für den Beschreibungsvorgang und den (zu beschreibenden) Gegenstand – sie bedingen sich. Da ein Modell hilft, den Gegenstand modellhaft einzuordnen, kann dieser Gegenstand nur in dem geschaffenen Modell-Raum erfasst werden: der Gegenstand wird mit zuhandenen Annahmen modelliert und insofern ans Modell angepasst. Man könnte sagen: Die Beschreibung folgt dem Modell (einer den Gegenstand reduzierenden Annahme) und das Modell verfolgt – adaptiert – den Gegenstand, bis das Modell über den Gegenstand und der Gegenstand der Beschreibung annähernd übereinstimmen. Der Gegenstand entsteht also vorerst aus dem (jeweiligen) Modell seiner Beschreibung. Der Beschreibungsvorgang ist das experimentelle Medium zwischen Handlungsanweisung (Funktion des Modells) und Gegenstands-Beschreibung. „Wir können das, was wir über unsere Modelle von der Welt lernen, als Konstituierung unserer Modelle von unseren Modellen der Welt  betrachten.“3Marvin L. Minsky, in: Mentopolis, Klett-Cotta, Stuttgart, 1990, Seite 304 Die Möglichkeiten, die durch ein (konstruiertes) Modell zur Beschreibung eines Gegenstandes entstehen, zwängen den Gegenstand zugleich in sein Modell über ihn ein. Der Gegenstand wird auf das Reservoir der Modellannahmen gestutzt. Insofern ist die Anwendung eines Modells zur Beschreibung vorerst eine Infragestellung, Ver-Urteilung des zu beschreibenden Gegenstandes. Etwas Neues am Gegenstand zu entdecken, erfordert die vielfältige Kombination der durch das Modell in Betracht gezogenen bzw. produzierten Erfahrungen. In einer Art skeptischen Bewegung um das bis dato unbekannte Phänomen wird durch dessen modellhafte Zurichtung erprobtes Sprachmaterial als semantischer Handlungsspielraum erkämpft.
Es ist eine tägliche Übung, das unbekannte Phänomen in Regulative (von determinierenden Modellen) zu pressen, damit die Gedanken dem assoziativen Überschuss der Sinne nicht erliegen, sondern (sprachlich) Halt finden.
Ein noch unbekanntes X ist vorerst nicht ohne Modell beschreibbar. Für eine stringente Modellierung der vorgefundenen Welt braucht es musterhafte Modelle, die die Welt unbekannter Phänomene als beschreibbar voraussetzt. Die Modelle über den einzeln zu erfassenden Gegenstand oder sein/ unser Verhalten prädeterminieren ihn: sie sind dem Gegenstand vorauslaufend und definieren für ihn Voraussagen. (In der Annahme, du seist so, wie ich es annehme, verhalte ich mich nach der mir selbst auferlegten Annahme dir gegenüber. Das Ergebnis wird sein, dass du auf mein dir unterstelltes So-Sein re-agieren wirst, was mehr oder weniger meine Annahme verstärkt.) So konstruieren wir stückweit die Gegenstände unserer Welt.
Es ist die Entwicklung vom Verstehenwollen eines Phänomens zu dessen Simulation als seine wirkliche Entwirklichung: Wir nennen es Konstruktion. Die aus Erfahrungen gewonnenen Wahrscheinlichkeiten eines Verhaltens von ‚X‘ verändern seine Geschichte. Aus Simulationen werden funktionelle Vorschriften bzw. Beschriftungen generiert.
Aus Beschreibungen werden Beschriftungen.
Die Modelle über X ziehen die Simulation eines angenommenen X nach sich. Noch hinken die Voraussagen, Gewißheitsversprechen – die ans Phänomen X gezeichneten Merkmale – seiner Lebensbewegung, Beobachtung hinterher, doch werden sie mehr und mehr Bestimmung für sein modelliertes Dasein. Das, wie über X gehandelt – beschrieben – wird, ist noch nicht seine Realität, jedoch schon unsere. Die Behandlung des Phänomens X durch seine Beschreibung steht als Imperativ gegen die Unsicherheit der ersten Begegnung geschrieben. Beschreibungsvorgänge sind sprachliche Interaktionsbereiche – sämtliche X bleiben von dieser Interaktion nicht unberührt. In der Interaktion des Beschreibens verändern – konstruieren – wir unsere Wirklichkeit. Unsere modellhaften Annahmen filtrieren aus der Vergangenheit die zukünftigen Szenarien von Beschreibungs- und Verständnisvorgängen. Sie lösen die von uns beschriebene Welt in unsere Wirklichkeit auf. Welche Zuschreibungen – Modellannahmen – wir wählen, welche Wirklichkeit wir konstruieren, liegt in unserer Hand. Wir können also nicht die Verantwortung an Modelle abgeben und uns hinter einer „Objektivität“ verstecken.
Je totalitärer Modellparameter auf Objekte zugreifen, desto reduktionistischer („einfacher“) können ihre verhandelten Objekte behandelt, d. h. aus ihren Zusammenhängen ausgeschlossen werden

Ob wir Robben töten – für ihr Fell, Fleisch fressen oder mit unseren Fliegern zig Tonnen CO2 verschütten, um einen Sonnenuntergang zu sehen, oder freundlich sind: Unsere Entscheidung.

 

 

  • 1
    Vgl. Herbert A. Simen, in: Die Wissenschaften vom Künstlichen, hrsg. von Rolf Herken, Band III, Verlag Kammerer & Unverzagt Berlin, 1990, Seite 85
  • 2
    vgl. O. Wiener, in: Kambrium der Künstlichen Intelligenz, Nachwort, Seite 183, in Herbert A. Simon, in: Die Wissenschaft vom Künstlichen, Springer Verlag Wien, New York, 2. Auflage, 1994
  • 3
    Marvin L. Minsky, in: Mentopolis, Klett-Cotta, Stuttgart, 1990, Seite 304