245, Misstrauen als Rückzug

Misstrauen
Das Misstrauen in die Kommunikation der anderen, auch als Zweifeln an, Besorgtsein um und Verfolgungsempfinden von anderen sich zeigend, ist eine Reaktion auf überfordernde Routinen des Alltags, ist eine Reaktion auf die Erfordernisse der gesellschaftlich eingeforderten Toleranz im sozialen Verkehr des Lebens, die nicht ausgehalten wird, aber die als Anpassungsleistung internalisiert wird – auf Kosten der psychologischen Stabilität. Es fällt auf, das Menschen in dieser Lage, ihre Fehlleistungen zu Fehlleistungen der anderen korrumpieren, um sich unbeschadet von sozialer Umwelt abzukoppeln oder ihr wieder teilhaftig zu werden. Als Tyrannen über beschädigt empfundener Umwelt unterwerfen sie diese Umwelt ihren eigenen Defekten. Es gilt, die abgeworfene Haut der enthäuteten Erwartungen wieder zusammen zu flicken und anzuziehen, das Stigma in eine neu gefundene Rolle zu konventionalisieren, um sich wieder in den sozialen Raum einzubringen, um wieder sozial kommunizieren zu können. Da ist etwas in Fluss gekommen, die psychotische Fixierung (als Misstrauen) hat den von ihr geforderten Menschen aufgeweicht: sensibel bis vulnerabel. Die befürchtete Verflüssigung aller Lebensverhältnisse, alles schwimmt in mächtigen Erwartungen weg, tritt im misstrauischen, zweifelnden Verhalten gegen diese Furcht zu tage. In sämtlichen Infragestellungen zeigen sich die verlorenen Standpunkte des vorherigen – erwarteten – Lebens. Die Überprüfung der richtigen, rechten Form des Entscheidungsmaterials scheitert an dessen schnellen Veränderungen. Misstrauen als Kategoriefehler im Verhalten, als Stil der starren, festen Form: Das Sicherheits- wie Kontrollbedürfnis engt Kommunikation ein, der (kommunikative)  Bewegungsumfang nimmt ab. Eine beständige Zerstörung kommunikativer Akte durch Verdachtsannahmen und durch ihre zu schnelle Verallgemeinerung zu Furchtgebieten – eine Frage löst so die Frage nach dem Überhaupt-Fragen-Können aus. Misstrauen hängt gern am Negativen – da funktionieren die misstrauischen Prophezeiungen; und entwickelt Aversionen gegen Veränderung (es könnte positive Folgen zeitigen). Die misstrauische Person braucht für ihren Rückzug zu sich, zur kleinsten Größe ihres kontrollierbaren Raumes stabile Bedingungen. Die psychotisch sich bewegende Person kann sich dem Konflikt schwer entziehen – sie ist genötigt, Vertrauen zu benötigen und es nicht zu bekommen, heißt, sich an sich selbst zu enttäuschen. Die Verflüssigung artet in Zer- und Wegfließen, ins Nirvana aus: ohne Halt. Das ist das Angriffspotential des – störenden – Subjekts in der Gesellschaft, gegen sie. Die Unruhe des psychotischen Subjekts ist politisierbar. Misstrauen wird ideologisiert zu Verfolgungsszenarien.

Selbst-Beschränkung
Eine Motivlage, Krankheit zu äußern, sich und anderen mitzuteilen, könnte darin bestehen, sie sich zu versichern als erstes Streiten um die eigene Stabilität – wieder mit sich eine Sprache zu finden, mit sich ins Gespräch zu kommen, um Gewissheit über den neuen Zustand zu gewinnen. Das Ich ist seine Krankengeschichte. D. h., es sichert sich durch seine Krankheit ab, damit der subjektiv eingeschränkte Lebens-Rahmen Festigkeit erlangt (Individualität als Defizit) – da weiß man, was man hat. Das psychisch aufgeweichte Individuum ringt darum, seine (neuen) Ufer fest zu machen, seiner Wahrnehmung sichere Punkte zu geben, die Welt zu verfestigen, um Orientierung im neuen körperlichen Revier zu erlangen. Der neue, gekränkte Körper erschafft seine Lebenslage nach seinem bedrängten Bilde: seiner Vorstellung. In der (formalen) Fixierung der Umwelt, der gedachten Modellierung von ihr, sucht es Kontakt mit seinem Heil, d. h., der psychisch eingeschränkte Körper versucht seine Umgebung in seiner Beobachtung zu stabilisieren: er modelliert andere Kriterien der Selbstreferenz. Der Neuorientierung der Gewohnheiten und ihrer Herstellung folgt die Beschränkung der ehemaligen Bewegungsradien als ein Modus, der Übersicht gewährleistet – nichts Neues, Unerwartetes, Unvorhergesehenes soll das Blickfeld trüben. Was wiederum zur Einschränkung des Wahrnehmungsfeldes führt – um es kontrollieren zu können – und eine eskalative Schleife der Selbstverweisung in Gang setzt: Der Filter verstärkt sich selbst. Das Ideal solcher Weltbegegnung entsteht als abgeschlossener, entropistischer Raum, der immer kleiner wird, in dem das Individuum als sein eigener Gefängniswärter waltet und aufräumt von Zeit zu Zeit; es käme nur Staub hinzu.

Vernetzung
Nach der Zustimmung allgegenwärtiger Zugriffe über das private Netz-Leben in den AGBs sozialer Netzwerke (facebook, Xing, Google etc.), folgt vielleicht der Versuch des derart kontrollierten Nutzers, durch die Ermittlung der von ihm gespeicherten privaten Lebensverhältnisse, Lebensumstände die Öffentlichkeit über die eigene Person zu kontrollieren (als paranoide Strategie). Dasjenige, was die Öffentlichkeit erfährt, muss vom kontrollierenden Subjekt gewusst werden können. Man kann diese Strategie auch umkehren: „The best way to protect your privacy is to give away.“1Süddeutsche Zeitung, Artikel zu Hasan Elahis Webseite „Lifecast“, Datum unbekannt Über diese Hyper-Infiltration des Privaten scheint das System manipulierbar zu sein, denn das Private kann sich über die Öffentlichkeit sozialer Netzwerke inszenieren. Insgesamt aber wird der paranoide Keil des socual-network Doppelleben-Lebens weiter in die private Person getrieben. Denn wenn der allmächtig scheinenden (sozialen) Kontrolle nur mit der Kontrolle sämtlicher jäh eigener Lebensentäußerungen zu begegnen ist, werden die Kontrollmechanismen – gegen die sich kontrollieren wollende Person –  verstärkt. Das beobachtete Nutzer-Subjekt antwortet dadurch permanent auf nicht gestellte Fragen – ob es nun will oder nicht: es produziert Daten über sich. Das Nichtpreisgeben von persönlichen Informationen wird als Verweigerung erkannt. Das Nachgefragte (ein Buch, ein Produkt oder gewählte likes) stellt den Fragenden fest. Das Bezwängende löst ein zwanghaftes Verhalten aus; die erpresste Vor-Sicht beantwortet den Zwang und der Bezwängte will dem Zwang mit Zwanghaftigkeit zuvorkommen. Die Angst vor der Veröffentlichung der Privatsphäre führt in die Flucht zum nur Privaten hinein. Man zieht sich vor der gefühlten Zwangs-Konnektivität zruück. Mit angestrengter Negativität – im Handeln auf sich selbst – beugt der vernetzt determinierte Nutzer den unvorhergesehenen Erfahrungen vor.
Allen neuen Möglichkeiten der Kommunikation haftet das Indiz an, eine Instanz bzw. ein Medium der Kontrolle zu sein.
„Der zwanghafte Mensch fungiert als sein eigener Aufseher, der Befehle, Direktionen, Mahnungen oder Warnungen austeilt, nicht nur bezüglich dessen, was zu tun und zu lassen ist, sondern auch im Hinblick darauf, was gewünscht, gefühlt und sogar gedacht werden soll.“2David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht, 1991, Seite 41

Verkapselung
Aber eben mit der Einschränkung von Wahrnehmungswelt – kaum noch dringt Anderes, Neues, Beunruhigendes durch – sichert der psychisch Bedrängte den Fortgang des Bedrängens (als seine Krankheit), denn die einmal gemachten Erfahrungen sollen wiederkehren, und damit sie wiederkehren können, ist der Zwang zur Wiederholung unvermeidlich.3Zum Begriff der Angst als Wiederkehr des Verdrängten siehe Heinz Weiß, in: stw 1148, Seite 80 ff; Sigmund Freud, in: Hemmung, Symptom und Angst, Studienausgabe, Frankfurt a. M. 1969-1975, S. Fischer, Band 6, Seite 227 ff; und Klaus Heinrich, in: Arbeiten mit Ödipus, Dahlemer Vorlesungen Band 3, Stroemfeld/ Roter Stern, Bern und Frankfurt am Main, 1993 Mitunter bedeutet Gesundwerden eine so groß scheinende Veränderung, dass dem Kranken dies als Bedrohung seiner Mühen vorkommt.
In der unvermeidlichen Wiederholung von Erfahrungen, Gesten, Abläufen sieht der Betroffene seine Identität bestätigt: Er kann Kontinuität zu sich, zu seiner Geschichte in der Wiederholung seiner gemachten Erfahrungen, als seine Geschichte herstellen. Mit selbstauferlegter Beschränkung wühlt das betroffene Individuum sich (abermals) in das Gefängnis seiner von ihm gefürchteten „objektiven“ Umstände hinein. Tragisch komisch.
Die Krankheit stellt die ontologischen Bedingungen des betroffenen Subjekts her. Die Krankheit als Weg zu dessen Selbstbewusstsein. Von der Onkologie zur Ontologie ist es nur ein Hauch. Manchmal scheint die Störung, der Spleen, eine individuelle Manifestation zu unterstreichen und auszudrücken. Sind die Macken, Abweichungen der Ausfluss, der Glanz des krankhaften Subjekts? Individualität als Zusammenfassung erarbeiteter und erzwungener Deformierungen – Determinationen – ist ein Ausfluss von Störungen, ungeplanten Verzögerungen. Individualität kann sich nur durch die Störung ausdrücken: Als Abweichung. die Störung wird über das Individuelle erkennbar. Ob nun Störung (Beschädigungen, Deformationen, symptombildende Kompromisse etc.) als Individualität oder Individualität als Störung gefasst wird, ist hier nicht erheblich, denn beides weißt auf den sich psychisch niederschlagenden, niedergeschlagenen Widerstand des Körpers gegen die gesellschaftliche Umwelt hin. Stellt der Begriff des Charakters die Bewegung eines Pendels zwischen Determination und Konstruktion dar? Die Bewältigung ständig latenter Konfliktstoffe verlangt ein bestimmtes Herangehen, eine Charakterlage, eine psychische Bindung zur Konfliktmasse, die formell phänomenologisch – dem Symptomen nach – als Störung, als wiederholtes Handlungsmuster, d. h. als bestimmtes und zwangsläufiges bis zwanghaftes Verhältnis zum eigenen Verhalten zum Ausdruck kommt und dadurch individuell wird.4Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2000, Seite 258 Die Topografie des Krankseins bestimmt das Ich – die Syntax seines Lernens.
Psychisch Kranksein: Damit Erfahrungen wiederkehren und das Ich (Individuum) unvermeidlich, d. h. endlich wird – sich Sinn erfahrend erlebt, braucht es die Krankheit als Weg zu sich. Es muss zu sich über sich kommen, über seinen zerstörten und zerstörerischen ontologischen Raum: durch den unendlich scheinenden Reichtum des Krankseins. Aber in der Rekonstruktion seines vormals gefassten gesunden Zustandes – den es nie gab – zeigt sich für das festgestellte Individuum ein erlösender Hebel: Die Wanderungen in den Erinnerungen.
Mit angestrengter Negativität – als ein Überprüfen erfahrener Umstände im Handeln auf sich selbst – beugt der psychisch Determinierte den unvorhergesehenen Erfahrungen vor.