215, social network pressure

Also schießen wir Fotos jederzeit und laden sie hoch?
In den abbildhaften Dokumentationen des alltäglichen Vollzugs von singulären Leben in sozialen Medien ist vielleicht eine moderne Wendung vom schwachen Ich-bin zum Gestern-war-ich als Form identifikatorischer Vergewisserungstechnik des Selbstseins zu suchen. Seinsgewissheit wird partizipatorischen likes überantwortet. Den durch den Fortlauf der Zeit drohenden wie befürchteten Verlust an erinnerbaren Erlebnissen des eigenen Lebens – als sozialer Orkus des Vergessens, wird mit steter Dokumentation via pics und reels versucht entgegen zu treten. Das Schicksal ist/ wird visuell geformt.1„Offen die Frage, ob das permanente Bombardement der Bilder und Zeichen, verknüpft mit einer immer größeren Aufspaltung zwischen Warhnehmung und sinlich-realem Körperkontakt, die Organe mit der Zeit darauf trainiert, immer oberflächlicher zu registrien.“ Hans-Thies Lehmann, in: Postdramatisches Theater, Verlag der Autoren 1999, Seite 152 Die Produktion fotografischer Reize hilft dem visuell stimulierten Gedächtnis der Beteiligten die vergangenen Zeiten anhand von fotografisch festgehaltenen Lebensmomenten zu organisieren oder paradiesisch zu interpretieren – der digitalen Sozialität überantwortet. „Die Fähigkeit, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen und Fragmentierung zu akzeptieren, ist der herausragende Charakterzug der flexiblen Persönlichkeit…“2Richard Sennett, in: Der flexible Mensch (im Original „The Corrosion of Character“), Siedler Berlin 2000, Seite 81 Heißt: Als Nutzer sozialer Medien nutze ich fragmentarische Einblicke in mein soziales Leben, um es zugleich als Oberfläche meiner Existenz vermeintlich kontrollieren zu können: „Was jemand ist, verdankt er der Kontroller seiner Erscheinung.“3Niklas Luhmann, in: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Band II, Suhrkampl Verlag Frankfurt am Main 1998, Seite 1020 Fotos von Urlaubssonnenuntergängen, Familienzusammenkünften, Nahrungsmittelaufnahmen. Die Verbindlichkeit gemachter Erfahrung wird nicht durch ihre ästhetische Präsenz oder Einmaligkeit, sondern durch die Reichweite digitaler Netzwerke bzw. Plattformen erreicht: durch definierte digitale Formate und Schnittstellen werden Mindeststandards Plattform und Programm-Algorithmisch übergreifend anschlussfähig gemacht.

Technischer Erinnerungsverlust
Der zuerst nur analog-technische Erinnerungsverlust – als Verlust von Schriften, Barytpapier und Artefakten – entwickelte sich zu einem „Erfahrungsdruck“,  dem entgegen zu fotografieren: Das heißt, möglichst schmeichelnde Facetten aus dem ichigen Leben in die Netzwerke, auf die Plattformen zu stellen: unforgettable. Ausgelöst dadurch, dass die Erfahrungen der Vergangenheit, des vergangenen Seins nicht zählen, sogar als sinnlos empfunden werden, wenn sie nicht in Bildstoff übersetzbar sind, weil abgeschnitten von akteuellen technischen wie sozialen Standards. Ein Kannibalismus memotechnischer Unmittelbarkeit der Abbilder frisst die Blicke. Schließlich entspricht der individuell erlittene Erfahrungsdruck dem durchgesetzten Akkumulationsdruck des Kapitals auf die Zeit.4Richard Sennett, in: Der flexible Mensch (im Original „The Corrosion of Character“), Siedler Berlin 2000, Seite 128 und 129: „Das neue Regime respektiert in der Tat nicht, daß der pure Ablauf der Zeit, der zur Ansammlung von Kenntnissen notwendig ist, einer Person Stellung und Rechte verleiht – Wert im greifbaren Sinn; sie bewertet solche auf dem Ablauf der Zeit beruhenden Ansprüche als ein weiteres Übel des alten bürokratischen Systems, in dem die Rechte des Dienstalters die Unternehmen lähmten. Im neuen Regime zählen nur unmittelbare Fähigkeiten. … Persönliche Ängste sind tief mit dem neuen Kapitalismus verknüpft. Kürzlich schrieb ein Autor in der New York Times >>die Sorge um den Arbeitsplatz ist eingedrungen, löst das Selbstwertgefühl auf, zerrüttet Familien, zersetzt Gemeinschaften und verändert die Atmosphäre am Arbeitsplatz<<. Viele Ökonomen behandelten das als Unsinn… Dennoch benutzte der Autor das Wort >>Sorge<< präzise. Sorge ist eine auf die Zukunft bezogene Furcht, die in einem Klima entsteht, das ständige Risiken betont; die Sorge verdoppelt sich, wenn die Erfahrung als Führer durch die Gegenwart ausgedient zu haben scheint. Wenn die Negation der Erfahrung bloß ein von oben aufgezwungenes Vorurteil wäre, so wären wir, die Menschen mittleren Alters, einfach nur Opfer eines institutionalisierten Jugendkults. Aber die Angst vor der Zeit hat uns tiefer geprägt. Das Vergehen der Jahre scheint uns auszuhöhlen. Unsere Erfahrung ist nicht mehr in Würde zitierbar. Solche Überzeugungen gefährdeten unser Selbstbild, sie sind ein größeres Risiko als das des Glücksspielers.“ Es gilt, sich mit medialer Normativität in ihr zu bewegen, ohne öffentlicher Stigmatisierung ins Rohr zu schießen. Die Chance Symptom seiner selbst oder der Gesellschaft zu sein, ist größer, wenn die Menschen sich zum digitalen Avatar verpuppen. Der Seidenfaden digitaler Bild-Präsenz spinnt das Subjekt ein – es ist immer knapp im Leben; aus der Konsistenz der Timeline Schutz bildend, aber festgezurrt. Wie im Foto: eingeschlossen und fixiert.
Die Jetztpunkte dünnen aus, das Festhalten an Übergangsmomenten – also eine gemachte Erfahrung für ein aktuell neues Abbildungs-Ereignis zu benutzen: im Jetzt von Gestern zu labern – erfordert Anstrengungen, die das praktizierende Individuum als antiquiert im Beharren auf bestimmte Foto-Einstellungen erscheinen lassen. Immer wieder Selfies im Glück.
Der Versuch, ein Zeit-Versteck mittels einer digitalen Unsterblichkeit zu schaffen, wo die Erinnerungen noch sicher und unbeschnitten von gegenwärtiger Inanspruchnahme bleiben, erzeugt einen psychotischen Rückzug vor der Gegenwart in die (alte) Zeit – das Fixieren der Gegenwart als Gewesenes scheint im fotografischen Festhalten sicher vor den ungewissen Zukünften zu sein. Es kollidiert die zeitlich festgehaltene Erfahrung (das geschossene Foto) mit dem tatsächlich vorauseilenden Lebensraum des Erfahrungsträgers – als ein Kampf um Stellvertretung des Ichs mit dem fotografischen Herrn seines gestrigen Ichs. Authentizität als Adrenalin der Unmittelbarkeit ist mit dem Geist digitaler Nach-Bildungs-Versuche kaum zu machen. Die Furcht im sozialen Raum unterzugehen ist so grenzenlos wie er selbst.

 

 

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