262, Sepsis Skepsis
Skepsis als böse Blume einstiger Optimisten. Die Korrekturtätigkeit des eigenen Beobachtens wurde zuungunsten der Beobachtung der Beobachtung (Beobachtung 2. Ordnung) eingestellt und verpflichtet die enttäuschten Optimisten zur skeptischen Verhornung, zur Panzerung vor den unerhört neuen Neuigkeiten des gesellschaftlichen Lebens. Sie ertrinken in der Wunde, die sie vorher stopften, die sie sich nur erhalten wollten, um darin als „Rechthaber“ zu kosten. Jenes feindosierte Leiden war als Selbstschutz gedacht. Nun frißt die gemästete Wunde der erhofften Möglichkeiten als selbstgerechte Erwartungen das Heute, den Rest des Lebens auf.
Das Misstrauen in alles und jeden vergrößert das skeptische Leiden dieses Ichs, und dieses so gemästete Ich vergrößert auch das Leiden. Sie nehmen sich beide den Platz.
„Das Leiden vergrößerte sein Ich; der Eindruck, daß er gegen eine böse Macht kämpfe, reizte seine Widerstandskraft zu wildem Trotz auf; die Lust, gegen das Schicksal zu kämpfen, erwachte, und aus einem Reisighaufen nahm er gedankenlos einen langen spitzen Ast. Der wurde in seiner Hand ein Spieß und eine Keule. Er brach in den Wald ein, schlug die Zweige nieder, als schlüge er sich mit diesen dunkeln Riesen. Er trat mit seinen Füßen Pilze nieder. Als habe er ebenso viele leere Zwergschädel eingeschlagen. Er schrie, als habe er Wölfe und Füchse aufgejagt, und >>Auf! Auf! Auf!<< rollte der Ruf durch den Fichtenwald.“1Karl Jaspers, in: Strindberg und Van Gogh, Merve Verlag, Seite 48
- 1Karl Jaspers, in: Strindberg und Van Gogh, Merve Verlag, Seite 48