265, Jacob Burckhardt: Gedanken zum Krieg und ihre Aktualität – uff
„Sodann ist hier vorauszunehmen schon der Krieg überhaupt als Völkerkrisis und als notwendiges Moment höherer Entwicklung.
Es gehört mit zur Jämmerlichkeit alles Irdischen, daß schon der einzelne zum vollen Gefühl seines Wertes nur zu gelangen glaubt, wenn er sich mit anderen vergleicht und es diesen je nach Umständen tatsächlich zu fühlen gibt. Staat, Gesetz, Religion und Sitte haben alle Hände voll zu tun, um diesen Hang des einzelnen zu bändigen, d. h. ins Innere des Menschen zurückzudrängen. [sic!] Für den einzelnen lächerlich, unerträglich, abgeschmackt, gefährlich, verbrecherisch, sich ihm offen hinzugeben.
Im Großen aber, von Volk zu Volk, gilt es als zeitweise erlaubt und UNVERMEIDLICH [Hervorhebung von mir], aus irgendwelchen Vorwänden übereinander herzufallen. Der Hauptvorwand ist, im Völkerleben gebe es keine andere Art von Entscheid, und >>wenn wir’s nicht tun, so tun’s die anderen<<. Die sehr verschiedenen inneren Entstehungsgeschichten der Kriege, die oft äußert komplizierter Art sind, lassen wir einstweilen außer Betracht.
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Ein Volk lernt wirklich seine volle Nationalkraft nur im Kriege, im vergleichenden Kampf gegen andere Völker kennen, weil sie nur dann vorhanden ist; auf diesem Punkt wird es dann suchen müssen, sie festzuhalten; eine allgemeine Vergrößerung des Maßstabs ist eingetreten (…) die Kriege reinigten die Atmosphäre wie Gewitterstürme [die gesellschaftlichen Phänomene werden hier zurück ins Naturhafte getrieben], stärkten die Nerven, erschütterten die Gemüter, stellten die heroischen Tugenden her auf welche ursprünglich die Staaten gegründet gewesen, gegenüber ENTARTUNG, FALSCHHEIT und FEIGHEIT.
Der lange Friede bringt nicht nur Entnervung hervor, sondern läßt das Entstehen einer Menge jämmerlicher, angstvoller Notexistenzen zu, welche ohne ihn nicht entständen und sich dann doch mit lautem Geschrei um >>Recht<< irgendwie an das Dasein klammern, den wahren Kräften den Platz vorwegnehmen und die Luft versticken, im Ganzen auch das Geblüt der Nation verunedeln. Der Krieg bringt wieder die wahren Kräfte zu Ehren. Jene Notexistenzen bringt er wenigstens vielleicht zum Schwingen.
Sodann hat der Krieg, welcher so viel als Unterordnung alles Lebens und Besitzes unter einen momentanen Zweck ist, eine enorme sittliche Superiorität über den bloßen Egoismus des einzelnen [die „Kameradschaft“ im Schützengraben?]: er entwickelt Kräfte im Dienst eines Allgemeinen, und zwar des höchsten Allgemeinen und innerhalb einer Disziplin, welche zugleich die höchste heroische Tugend sich entfalten läßt, er allein gewährt dem Menschen den großartigen Anblick der allgemeinen Unterordnung unter ein Allgemeines.“1Jacob Burckhardt, in: Weltgeschichtliche Betrachtungen, Kröner Verlag 1978, Seite 160 f
“Und da ferner nur wirkliche Macht einen längeren Frieden und Sicherheit garantieren kann, der Krieg aber die wirkliche konstatiert, so liegt in einem solchen Krieg der künftige Friede.
Die Peliaden kochten je auf Zureden der Medusa ihren eigenen Vater, aber er blieb tot. In solchen Zeiten konstatiert man eine Abnahme der gemeinen Verbrechen: Selbst das Böse wird von dem großen Moment berührt.“2Jacob Burckhardt, ebenda, Seite 172
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„Zum Lobe der Krisen läßt sich nun vor allem sagen: die Leidenschaft ist die Mutter großer Dinge, d. h. die wirkliche Leidenschaft, die etwas Neues und nicht nur das Umstürzen des Alten will. Ungeahnte Kräfte werden in den einzelnen und den Massen wach, und auch der Himmel hat einen anderen Ton. Was etwas ist, kann sich geltend machen, weil die Schranken zu Boden gerannt sind oder eben werden.
Die Krisen und selbst ihre Fanatismen sind (freilich je nach dem Lebensalter, in welchem das betreffende Volk steht!) als echte Zeichen des Lebens zu betrachten, die Krisis selbst als eine Aushilfe der Natur, gleich einem Fieber, die Fanatismen als Zeichen, daß man noch Dinge kennt, die man höher als Habe und Leben schätzt. Nur muß man eben nicht bloß fanatisch gegen andere und für sich ein zitternder Egoist sein.
Überhaupt geschehen alle geistigen Entwicklungen sprung- und stoßweise, wie im Individuum, so hier in irgendeiner Gesamtheit. Die Krisis ist als ein neuer Entwicklungsknoten zu betrachten.“3Jacob Burckhardt ebenda, Seite 188

9 Jahre nach der Veröffentlichung der „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ aus dem Nachlass Jacob Burckhardts ist mein Großvater Willi – 2. von rechts – im 1. Weltkrieg in einem Schützengraben abgelichtet. Sein Sohn, mein Vater, wird als Soldat 1943 in den 2. Weltkrieg eingezogen.
- 1Jacob Burckhardt, in: Weltgeschichtliche Betrachtungen, Kröner Verlag 1978, Seite 160 f
- 2Jacob Burckhardt, ebenda, Seite 172
- 3Jacob Burckhardt ebenda, Seite 188