221, Emanzipation vom Text – zwischen Utopie und Dystopie

Damit das gesellschaftlich bestimmte – also sozial verortete – Individuum in der Entäußerung seiner selbst, im selbstisch-kreativen Verbrauch seines menschlichen Abstreifens des Tiers, zur ausdrucksmäßigen Natur seiner gesellschaftlichen Emanzipation kommt, an ihr partizipieren kann, braucht es nicht die Herabsetzung seiner ursprünglich tierischen Kinderstube, seines produktiven Standes seiner Häutung, seine Ausschlachtung seiner Gelüste. Der so markierte Mensch muss zuerst die beschränkenden wie normativen Voraussetzungen, also Zugangsbedingungen zur gesellschaftlichen Teilhabe mit menschlicher Äußerungswut überwinden dürfen: Mit der Differenzierung zwischen eigenem – formalen, beschreibbaren – Ermessen im Verhältnis zu konfrontativen sozialen Umwelten sind Kunstwerke transformatorische Akte der Aneignung dieser Ambivalenz. Der künstlerisch tätige Mensch beginnt also als sozial geforderter Einzelkämpfer, als ein sich selbst ernannter Künstler, schottet sich von seiner in Angriff genommenen Umwelt ab, und schreit solang bis alle an ihm partizipieren oder nicht mehr weghören können. Die Exklusivität künstlerischer Tätigkeit hört auf, wenn sie als soziale Inklusion für alle Beteiligten – in Produktion, Perzeption, Partizipation – begriffen wird. Man sagt, die alltäglichen Verhinderungen des Menschen seien in seiner Geschichte selbst, seinen Biografien zu suchen. Als würde das in uns eingeblutete Tier uns ohnmächtig in unser Schicksal einzwängen, um gegeneinander loszugehen bis der Stärkere überlebt. Aber das ist die Forderung, dass wir auf unserer bisherigen Geschichte sitzen bleiben sollen und unser Geschick nicht in Frage stellen. Alles menschlich zu Entwickelndes wäre verurteilt zum religiösen, esoterischen, ideologischen projektiven Warten oder Glückhaben auf St. Nimmerlein. Den Menschen nur als Instinkt geleitetes Tier herauszufordern, den sozialen Zusammenhang als Natur gegeben zu provozieren, offenbart das vergeistigte Tierreich des zerstörerischen Produktionszwanges im Sinne des „Only the fittest survive“. Die Mütter treiben ihren Neugeborenen menschliche Möglichkeiten der Existenz aus, um selbst funktionieren zu können und: damit die Geborenen eine zukünftige Chance haben.1Vgl. Alice Miller, in: Das Drama des begabten Kindes, Suhrkamp Taschenbuch 950, Frankfurt am Main 1983

Die neuen Voraussetzungen einer humanen Gesellschaft sind an die Bedingung der Ablösung der alten gebunden. Bleibt also nichts anderes, als mit sich selbst zu beginnen – bis eine kritische Masse erreicht ist? Marx redet vom Sprengen der Verhältnisse2„Die Proletarier können sich die gesellschaftlichen Produktivkräfte nur erobern, indem sie ihre eigene bisherige Aneignungsweise und damit die ganze bisherige Aneignungsweise abschaffen. Die Proletarier haben nichts von dem Ihrigen zu sichern, sie haben alle bisherige Privatsicherheit und Privatversicherungen zu zerstören… Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.“ Karl Marx und Friedrich Engels, in: Das kommunistische Manifest, Reclam, Seite 32 und Lenin von missionarischen Außerirdischen:
„Was den Appell an die Masse zur Aktion betrifft, so wird das von selbst kommen, sobald es eine energische politische Agitation, lebendige und aufrüttelnde Enthüllungen geben wird.“[…] “Das politische Klassenbewußtsein kann den Arbeitern nur von außen gebracht werden.“3W. I. Lenin, in: Was tun, Dietz Verlag Berlin 1971, Seite 108 und 117
Die Universalisierung privater Ansprüche z. B. am Konsum orientierten Unterhaltungen, die ver-braucht werden zur Ablenkung von menschlicher Einzelheit, Einsamkeit, führt zur Konstruktion menschlicher Differenzen außerhalb des Konsum-Bereichs. (Man definiert sich über den Besitz.) Das permanente Angebot zur Unterhaltung wirkt als existentielle Bremse auf den durch Konsum vereinzelten Ver-Braucher, denn er kann sich seinen menschlichen – nicht konsumtionellen – Bedürfnissen kaum noch stellen und tötet seine Geselligkeit. Der konsumtionell repräsentative Uniformierungsdruck durch die funktionalen Schranken normativer Gesellschaft (Geld, Besitz, Job, Herkunft) schlägt bis zum als privat inhaliertem Interesse durch, um nicht gänzlich von der rohen aber gesellschaftlichen Beteiligung ausgeschlossen zu werden. Die „freie Entwicklung eines jeden“ als „Bedingung für die freie Entwicklung aller“4Marx, Engels, Seite 43, Zitat aus der Kritik des Gothaer Programms (Ergänzungsband I oder II) wird blockiert.

Ich habe diesen Artikel vor ungefähr 15 Jahren geschrieben; knietief in der Marx Exegese und mit Kritischer Theorie befangen. Diese Beschäftigung half mir, meine Wut zu regulieren.

 

 

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