236, Genuss und Kunst

Der Gourmet isst bevor er genießt. Er genießt sein Satt-sein, seinen Überschuss – seinen Nichtmangel. Wenn die Kunst und das dazugehörige Leben des Produzenten sich im Widerstandsfeld befinden, weil der Produzent nicht satt werden kann, setzt der Käufer die Kunst als Lebensgenuss, d. h. als überflüssigen Zustand voraus. Die Demonstration der Genuss-Fülle mit überschüssigen künstlerischen Appendixen. Da wollen die Käufer schon am Bauch gekrabbelt werden, unendlich überrascht, stetig überzeugt wollen sie werden. Die populistische Kontextualisierung der Kunst durch ihre stete Reproduktion in den Print- wie elektronischen Medien macht den Kunstgenuss nicht billiger, aber kompatibler zu gesellschaftlichen Inszenierungen eines Lebensgefühls wie in Mode, Subkultur, Innenarchitektur etc. zu beobachten. Ein Kunstwerk kann nur das Ergebnis seiner gesellschaftlichen, sozialen Erzeugung von kommunikativen Beziehungen des herstellenden Menschen sein, das ist seine Verwirklichung. In der Vervielfältigung wird das Kunstwerk durch seine technische Verformung zum herkömmlichen Produkt gestylt und damit kommunikativ in Konsum-Kanälen zugänglich gemacht. Das Technische des Mediums ist Benutzerfreundlich skalierbar – über verschiedene Kanäle zugänglich, d.h. konsumierbar. Im Kampf um das Satt-sein sinken Kunstwerke zum Existenzmittel der Künstlerschafft herab. Warum kann Kants Diktum des „interessenlosen Wohlgefallens“ nicht auch für die Herstellerseite gelten? Die Freiheit mit Lust oder Unlust einem Kunstwerk zu begegnen, macht die Kunst – und das heißt: ihre Produzenten – abhängig vom Gutdünken ihrer Betrachter. Kunstwerke werden ohne gesellschaftliche Erkennung, ohne soziale Partizipation bloßes Mittel, barer Zweck ihrer käuflichen Existenz, gleichwohl die Existenz ihrer Hersteller von ihnen abhängt. Was nur Material zur Gestaltung war – die gesellschaftliche Umwelt des Produzenten von Kunst, wird zur Bedingung der Gestaltung gemacht. Die Kunst nimmt z. B. soziologische, ethische Fragestellungen auf, zeigt sie, verhandelt sie, und ist zugleich darin gefangen. Das Bild, die Skulptur ist nicht mehr als ein Beweis für sich selbst. Intrinsisch. Ja, ich spreche von meinen Erfahrungen.

Kunst ist ein Mittel zur Wirklichkeit: Das Beobachtete in einen Ausdruck zu bannen, die Wirklichkeit des Ausdruck-Produzierenden in einer erwirklichten Form zu zeigen. Als auch die Wirklichkeit des Produzierenden im Produzieren des Ausdrucks von sich selbst darzustellen, ist die Wirklichkeit des künstlerisch tätigen Menschen. Ein Ringen um Differenz wie auch um Bewusstheit von Differenz. Die erkannte, durchschaute, dann auch erledigte Form historischer Gestaltungen im Bild (auffindbar als historisches Bild- bzw. Abbildgedächtnis) wird als Formenvokabular reinszeniert. Über Epochen hinweg ist das Form-Angebot des Vergangenen eine Aneignungsform des Gegenwärtigen. Eine Kulturtechnik, ein ästhetisch erlernbares Verfahren, erlebte Umwelt in eine anders wahrnehmbare Wirklichkeit von zueinander differenzierten Formen zu transformieren. Der elementarste ästhetische Akt ist die Auswahl einer Tatsache. (Kant, Kritik der Urteilskraft)
Das Betrachten ordnet sich schon im Produktionsprozess und ist ein Akt der Produktion selber: In der Herstellung des Kunstwerks und in der Kommunikation darüber. Individuen sind Knoten im Verkehr dieses Vermittlungsprozesses.