225, Kämpfen Spalten Verwalten: Um Anerkennung oder Mitleid

Der lebendig erfahrbare Widerspruch der Herzen zwischen der von Algorithmen geprägten digitalen Rationalisierung sozialer Beziehungen (social media) zugunsten ihrer warenförmigen Verwertung und dem von Rationalisierung ausgehenden Utopieversprechen ans private Glück, reibt die durch die „Teilnahmebedingungen“ dividierten Herzen auf. Die private Utopie entsteht durch die gescheiterten Versuche der Nutzer-Person, sich des versprochenen Glücks durch social-media-content einer sozialen Aufmerksamkeit zu ermächtigen. In der Person wütet der Widerspruch zwischen subjektivem Utopieanspruch und seiner gerätehaften Verwirklichung wie Abhängigkeit. Die Verwertung des personellen Lebens kulminiert im Opfer dieses einstmals möglichen selbstmächtigen Lebens zugunsten des unterstellten Fortschritts an medialer Partizipation. Diese Spaltung der Person kommt in der Einsicht zum Kämpfenmüssen, zur permanenten Ertüchtigung für das private Fortkommen einerseits und der ebenso einsichtigen Verzweiflung vor dem sinnlosen wie heroischen Kampf gegen die digital einzugehenden Verhältnisse andererseits wieder zum Vorschein. Die Spalten, Zweifel in der Person als ihre eigene Maske (Personae) zeigen sich in wahnwitzigen konsumtionellen Entlastungskäufen, in einem kolonialen Raubbau an der Natur und sozialen Stadträumen, der sich aus der aufgeopferten Persönlichkeit bis zu ihrer Täterschaft rechtfertigt. Eine Ambivalenz von Einsicht und Ohnmacht, die paralysierend sich toxisch auf alle sinnliche Verhältnisse ausbreitet: verrückt oder mitlaufend, tötend. Die Anerkennung der modernen Lebensverhältnisse reproduziert stetig ein Ohnmachtsverhältnis zu ihnen. Wird der Kampf um die eigene Anerkennung, der auch ein Kampf um das schon sicher Geglaubte ist (ein Streit um die individuellen Einsichten, Ansichten etc.), nicht angenommen – kann da nicht von einem Misstrauen in die erarbeitete Anerkennung des gebotenen Lebenssinns gesprochen werden? Diese Menschen (die ambivalenten Geister, die intellektuellen Vorarbeiter) vibrieren in ihrer Verunsicherung. „Aktion ist das tote Ende der Möglichkeit“1Ronald Laing, in: Das geteilte Selbst, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1994, Seite 107: „Das unverkörperte Selbst des schizophrenen Individuums kann nicht wirklich mit jemandem verheiratet sein. Es existiert in ewiger Isolation. Und dennoch sind diese Isolation und innere Bindungslosigkeit natürlich nicht ohne Selbstbetrug. In einem Akt ist etwas Finales und Definitives, das diese Person mit Mißtrauen betratet. Aktion ist das tote Ende der Möglichkeit.“ Die gespaltene Persönlichkeit, das Schizophrene ihrer Lebensumstände, ihre Schizophrenie sucht Ruhe,2Vgl. Gilles Deleuze, in: Schizophrenie & Gesellschaft, Texte und Gespräche 1975 – 1995, Hrsg. Daniel Lapoujade, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main 2005, Seite 18 einen stillen Ort der Ungespaltenheit: im Fetisch, im Fett des Genusses, im unverrückbaren Besitz – und findet nichts!
An dieser Stelle warten schon die Drogenhändler, die Religionen, die V-Theoretiker, die Simplifizierer: Die Schafe werden mit Esotrash, medialen Füllungen ihrer Ohnmächtigkeit satt gemacht. Die Erbetung der Erlösung soll eine Entlastung vor zu großer Komplexität erwirken. Klarheit wird konstruiert, die Bedingung der Möglichkeit erstickt.
Religiöser Eifer, der Rückzug auf den Herrn, den Stein, den Kosmos als Sammelbecken für diejenigen, die aus der ertragenen Entfremdungserfahrung kommen und herausgefallen sind oder die nicht bereit oder fähig genug sind für jene Behandlungsmethoden, die solche Entfremdungsopfer in den Arbeitskreislauf wieder einpressen. Der von Entfremdung angetriebene Konsum ist ein Parkplatz auf dem Trümmerfeld lebensoptimierender Produkte. Intellektueller Schrottplatz (Niklas Luhmann). Der Kampf um Anerkennung mündet in die Anerkennung der Niederlage, die sich in einem Anspruch auf ein Opfer-Sein stabilisiert und daraus ableitend zum Anspruch auf Mitleid, auf Wertschätzung der geleisteten Arbeit formuliert. Schließlich auf die gebotene gesellschaftliche (Sozial-)Hilfe als Resultat der verlorenen Ich-gegen-die-anderen-Kämpfe positioniert. Als Opfer ist man nicht Verlierer, sondern schuldlos und hat einen Anspruch auf Mitleid. Deshalb ist eine soziale Anerkennung des „Unvermögens, des Opfer-Seins“ für einen daraus – sozial abgesicherten – Anspruchs auf Opferschafft existentiell.
Oder: Das Anerkannt-Sein provoziert eine Art retrospektives Verhalten, in eine Projektion der Zeit vor dem Anerkennungs-Kampf hinein. Der retrospektive Standpunkt ermöglicht, das Gewordene, das Resultat oder was sich am Ende auftut als Gewolltes, Geplantes, als etwas, das sich zwingend „aus den Umständen“ heraus bewegte, darzustellen. Storyline. Was dem Opfer wie Schicksal ins Leben fuhr, ist für die Erfolg-Reichen selbstverständlich selbst getan. Das Vergangene ist die Beruhigungsidee im Therapiemodus: Das Kommende ist für den anerkannten Menschen eigenmächtig praktikabel und für den Opfer-Menschen ist das Gewordene als unumgänglich darzustellen, d. h. unabänderlich und unabhängig von der sich als handelnd begreifenden Person – als wäre sie nie in Sozialisation eingebettet gewesen. Die Idee allerdings, dass das Geschehene nicht so kommen musste, wie geschehen, frisst an dem Boden, auf dem gestanden. Man müsste aus einem zukünftigen Standpunkt heraus, das Kommende beurteilen, d. h. der Vergangenheit wieder eine (menschliche) Perspektive mitteilen, statt in der versuchten Begründung des Geschehenen sich zum Fatalisten zu machen.3„Die Suche nach den Gründen für alles Geschehene macht die Geschichtsschreiber zu Fatalisten.“ Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1977, Eintrag 23.7.1938 Die Zeitalter würden dadurch wieder menschlich zugänglich, es öffnete die Geschichte gegen ihre hineingesagte Vernunft. Die geschichtliche Immanenz ist eine von Menschen gemachte. Aber der Stillstand, Bruch, Zusammenfall einer Bewegung, das Aufhören hat nichts mit der ihm unterlegten Zielsetzung gemein. Der das Leben verzehrende Prozess des Da-Seins (menschliches Entäußern) schrumpft zum das Leben lediglich behaltenden Zustand, zu einem am Leben sparenden. Das betroffene Individuum ist ein nur an seiner Biologie teilhabendes geworden. Selbstmitleid – oder: „mit Jesus, den Steinen, Schmetterlingen mitleiden“ – drückt die Anerkenntnis dieser Einsicht aus. Es ist ein Mitleid mit sich selbst; die Klage an sich, sich nicht – für sich – einzumischen. Selbstmitleid als lebendige Negativität. Religiös motivierte Beruhigungen vor der lärmenden Ohnmacht in Geboten (Testamenten) sind schon Spiegelungen gegenstrebender (negativer) Realität. Die Gebote, angehimmelten Realitäten repräsentieren ihren nichtverwirklichten Inhalt – und verfestigen ihn damit als totalitär, zeichnen das in (biblischer) Anleitung gebotene Leben zum Gegenspieler des individuell als Schicksal erfahrenen Lebens aus. Vor dem Allmächtigen. Die kleine Ohnmacht wird durch allgegenwärtige ersetzt.

Das gespaltete Individuum, welches nicht zum Kämpfen, Entäußern kommt als eines, das seine Spaltungen nicht mehr in sich aushält, nicht vereinigen kann. Es trägt seine Spaltungen nach außen, schafft sie fort, schneidet sie ab – es wendet sich sich zu, indem es sich zerschneidet, parzelliert. Dann erst entsteht das Individuum, das sich aus Teilen bestehend sich selbst begreift. So ist es in der Lage, Teile, Erfahrungen, also sich zu entäußern, sich von ihnen – sich – zu erleichtern, indem es sie mitteilt.4An den psychisch einwirkenden Worten, Begriffen hangelt das beschädigte Denken sich zu sich – es re-/produziert sich nur in diesem seinem Vorgehen, was tatsächlich ein Nach-gehen der indifferenten, nicht zweifelsfrei identifizierbaren Bedeutungen darstellt. Diese Bewegung macht erst deren Gliedmaßen, Extremitäten. Das betroffen Subjekt sieht nicht, kann die Worte, Begriffe nicht in die gesellschaftliche Dialektik tauchen – sein Denken härtet an der Sprache zu seinem Zweifel. Es starrt sich an. Es sieht die Worte, Begriffe über der Dialektik des zu Beschreibenden, erfasst die Schrift, nicht aber das Geschriebene Das gespaltene Individuum veräußert seine Einsichten, um von den Kämpfen nicht bedrängt zu sein. Das sich schizophren entwickelnde Ich fordert die Anerkenntnis seiner Negativität zunehmend ein; es braucht Zeugen in seinem heroischen Kampf vor den Kämpfen, gegen die Kämpfe, für seine Exhibitionen im Kopf. Das Individuum spricht mit sich, es erhält sich als Stellvertreter seiner selbst. Es ist zu Selbstmitleid/ Blockade der Anderen fähig. Es kann vor dem Berg um seine Nichtbesteigung trauern. Es ist der Schmerz, den Eingang zum Leben nicht zu finden oder ihn vermeiden zu müssen. Wer leidet, kämpft nicht. Die Blutenden bleiben der Schlacht um die Zukunft fern. Leiden (Selbstmitleid) als Maske des überlebten, scheinbar geführten Kampfes. Das theoretisch antizipierte, vorhergesehene, vorgelittene Kampf-Ende als mentale Reserve: Das Schöne der Vorstellung ist ihre Möglichkeit, nicht deren Verwirklichung. Dies Leiden als etwas Artifizielles.

Selbstmitleid schiebt sich vor die Selbst-Erkenntnis, den eigenen Spiegel, dessen Anblick als Selbstverletzung gefürchtet wird: Ich gegen Ich: Selbstreferenz als positive Lebensaneignung wird als Negativität, als Opfer zum Leben gefasst – der Rückzug ins Selbstmitleid dient zur Stabilisierung gegen den Einbruch der Erkenntnis. Der Verlust bzw. die Vermeidung vor dem selbstverantwortlichen Kontakt mit dem erkennenden Selbst, seiner Wirklichkeit scheint vermieden, solang er nicht gemeldet oder ausgeschrien wird.