261, existentielle Indifferenz – Zweifel als Form

Der zu sich selbst forschende Mensch (um als Beobachter seines Beobachtens Übersicht und Kontrolle über das Beobachtete zu gewinnen) wird in der ozeanischen Ereignismasse immer wieder auf sich selbst – seinen Wahrnehmungshaushalt – zurückkommen: seine Zweifel, seine Unsicherheit über zu treffende Unterscheidungen begleiten ihn: Wohin mit all der Vielfalt, den Unterscheidungen, welche treffen? Aufgrund mangelnden Entscheidungs-Mutes in kaum unentscheidbaren Situationen oder im Zustand nicht getroffener Unterscheidungen ist es leichter, sich gegen das Unbekannte auszuschließen: man bleibt vor der Entscheidung stehen, besteht auf den eigenen – so oft geprobten – Erfahrungsfreeze. Um endlich Gewissheit und Ruhe zu finden, kann man sich in unendlichen Differenzen einhausen, um formale Sicherheit zu konstruieren oder um die Entscheidung zur Differenz hinauszuschieben. Aber dies beschneidet denjenigen – den Alles-andere-Ausschließenden – vom Ausgeschlossenen. Das Land, was er baut, erreicht er nicht. „Der Arbeiter als Spezialfigur ist im Ozean der universell gewordenen Arbeit ertrunken.“1Günther Anders, in: Der Blick vom Mond, Beck’sche Reihe, Seite 33  Er ist ein Sisyphos gegen die eigene Existenz geworden: immer wieder vor der nichtgetroffenen Entscheidung sich stellend und dann wieder die Probleme wälzend, kann sich der sisyphosale Mensch in das autoprotolytische Bad seiner Selbstfällung werfen. Alles in seinen Teich kommende Fremde kann nur durch ihn selbst ausgefällt – geschieden – werden: Er scheidet sich mit selbst konstruierten Differenzierungen aus dem Meer der Indifferenzen aus. „Unser Ideal besteht darin, fähig zu sein, insgesamt durchzublicken, alle die uns betreffenden Gründe festzustellen, über nichts, was für uns relevant ist, im Dunkeln zu bleiben, vollständig und perfekt informierte Hüter unserer eigenen Interessen zu sein. So sähe es aus, wenn wir fähig wären, unsere Handlungsweise immer so zu wählen, wie die Vernunft sie diktiert.“2Daniel C. Dennett, in: Ellenbogenfreiheit, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim, 2. Auflage 1994, Seite 39 

Indifferenz als künstlerischer Werkzeugkasten – Zweifel als Form:
Das verzweifelte Ringen um die passende Form – man kann sagen: Formenruhe – beginnt mit der Unmöglichkeit, eine richtige Wahl aus dem Meer der möglichen Differenzierungen treffen zu können. Die „Wahl-zu-haben“ – welche begründbare Differenz zu anderen? – wird zur Qual.3vgl. Peter Gross, in: „Ich-Jagt“, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1999, Seite 204 f  Überlastung im Formen-Meer: Der künstlerische Charakter als stilistisch orientierter Entscheidungs-Profi hat darin sein Betätigungsfeld. Die freie Bestimmung von formalen Differenzen aus dem selbstgeschaffenen Gefängnis formaler Möglichkeiten zeichnet künstlerische Arbeit aus.
Die nie zu Ende kommende Wahl formaler Differenzierung wird im Kunstwerk auf Zeichen, Symbole (Stilistiken) übertragen, auf Formen reduziert. Die Wahrnehmungs-Realität der Beobachter kann auf die vorgeleisteten formalen Entscheidungen im Kunstwerk eingehen oder nicht: All der Zorn auf das „Unverstandene“, auf die nicht einzuordnende Form-Differenz kann, nun auf das Detail, auf den Staub, aufs Parkverbot wüten.

 

 

  • 1
    Günther Anders, in: Der Blick vom Mond, Beck’sche Reihe, Seite 33
  • 2
    Daniel C. Dennett, in: Ellenbogenfreiheit, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim, 2. Auflage 1994, Seite 39
  • 3
    vgl. Peter Gross, in: „Ich-Jagt“, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1999, Seite 204 f