242, 1993 – Heiner Müller
Zeichnung aus dem Konvolut „Heiner Müller, Fatzer, Duell, Traktor – 1993“ © Hans-Georg Köhler, Privat-Sammlung.

Ich erinnere mich: Ich fuhr mit dem geborgten Auto meiner Mutter zu meinem Vater nach Netzschkau. Das Auto-Radio war an. Ich drehte am Audio-Sender nach gutem Empfang. Es war etwas verrückt: Plötzlich berichteten verschiedene Sender über Heiner Müller. Ich fuhr rechts ran. Ich ahnte etwas, holte meine Erinnerungen an Heiner Müller raus: 1993, als Heiner Müller im Ballhaus Rixdorf FATZER DUELL TRAKTOR mit tollen Schauspielern inszenierte, beobachtete ich die Szenen – vor und auf der Bühne mit Stift und Tusche. Die Probensituation war neu für mich, aufgregend, jede Sekunde ahnungslos, jede Geste huschte tuschte übers Papier… Das war zwei oder drei Wochen lang meine Übung: alles zeichnerisch aufzuschnappen. Wie üblich zum Probenbeginn sortierte ich mein Papier, Zeichenzeug; saß schon auf dem Stuhl und sah in mein Skizzenbuch – bis plötzlich Heiner Müller vor mir stand und er mir seine Hand zum Gruß hinhielt: „Guten Tag“. Ich erwiderte wohl irritiert: „Guten Tag“. Heiner Müller ging ab, aber ich war total verblüfft über sein auf mich Zukommen. Seine Hand-Haut war sehr weich. Ein Händedruck: ich bin ihm für diese Freundlichkeit dankbar. Warum? Einerseits hatte ich ein enormes, aber nicht einholbares Nähebedürfnis zu Müller – ja, als ich mit meinem Auto an die Straßenseite ran fuhr: Das Gefühl, einen Vater zu verlieren, einer, der AUS MIR SPRICHT. Andererseits: ich erinnere mich: viele scharten sich um ihn. Ich verbot mir das zu tun. Einfach aus Respekt. Vielleicht hat genau das Heiner Müller gesehen.
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Von links nach rechts: Müller, Eva Mattes, Schall, Langhof, Naujoks

Zeichnung aus dem Konvolut „Heiner Müller, Fatzer, Duell, Traktor – 1993“ © Hans-Georg Köhler, Privat-Sammlung.