285, Sein mit Hegel
Escherfigur
In der Philosophie wurde der Begriff des Seins von verschiedenen Beobachtungspunkten markiert, d. h. als begriffliches und begreifbares Objekt der Existenz besprochen. In der Escherfigur aus Signifikat und Signifikant bis zum Grunde untersucht, wurde der Begriff Sein in das An-sich-Seiende als Kleiderspende (der empirischen Gegenstände, auftretend als Erscheinungen, die die Wahrheit nur an sich haben) und in den An-und-für-sich-seiendem Moment der selbstreflexiven Wirklichkeitsproduktion gegeneinander aufgespalten. Das An-und-für-sich-seiende Moment der Erfahrung ist nichts anderes als der über das An-sich-Seiende reflektierende (und daher für-sich-seiende) Mensch selbst.1Zum Begriff des Erkennens, des Fürsichseins, des Bewußtseins siehe G. F. W. Hegel, in: Philosophie der Geschichte, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 612 (1986), Werke 12, Seite 388 f
Selbstbewusstsein
Selbstbewußtseein als die erkannte Selbst-Position eigener Wahrnehmungen ist so ausgedrückt, die für-sich-seiende – selbstreflexive – Position des Bewusstseins über sich selbst. Die Vermittlungsweise – die Durcharbeitung des An-sich-Seienden zum An-und-Für-sich-sein des jeweiligen Bewußtseins und die Beeindruckung, das Impressionieren des Bewußtsein erlangen wollenden menschlichen Subjekts von außen, worin sich sein Vermittlungsmotiv ausdrückt, ist seine Leidensweise. Weil das an-sich-seiende permanent geändert wird, gelingt nicht die Aufhebung, der Sprung zur selbst erkannten und angenommenen Form, die sich durch ihren Ausdruck (output) und ihre Selbstbeschreibung erzeugt. Das An-sich-seinende ist in eine Erfahrung zu sich selbst gehoben worden. Es stellt sich heraus, daß die Trennung der Lebenswelt in An-sich-seiende und An-und-für-sich-seiende Entitäten die Kontinuität zwischen den Welten aufhebt und nicht herstellt. Die Crux dieses Verhältnisses oder: dieser Umklammerung besteht darin, daß es uns bestimmt und von uns bestimmt wird, was heißt: dass es uns so bestimmen wird, wie wir es bestimmt haben! Es verstärkt unsere Unzulänglichkeiten.
Enlightment
Die Aufklärung der Umwelt, um in alles Dunkle Licht zu bringen, als Klärungsversuch oder Scheitern betrachtet, die Umwelt, die Gegebenheiten gegen das eigene Individuum abzusichern und damit überhaupt – wenigstens – eine Vorstellung von sich (gegen die Umwelt) zu erarbeiten. In den Gegenständen, Objekten – an denen Vorstellungen entwickelt werden – wird das Bewusstsein der Beschreibung des Gegenstands entkörperlicht zur Allgemeinheit der Sprache, die mit anderen Sprachteilnehmern potenziell geteilt werden muss. Mit der Anerkennung des Objektes, des Flecks usw. innerhalb sprachlicher Verfestigungen, verkörperlicht sich das Ich im sprachlichen Netz seiner Beschreibungen: „das Ich ist Objekt“ – Lacan.2vgl. Slavoj Zizek, in: Verweilen beim Negativen. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus II, Turia & Kant Wien 1995, 1995Seite 84, 85 Dasjenige an dem das Vorstellen in Gang kommt – der Gegenstand, der Fleck, das Objekt – erinnert das Ich an sich selbst: es kommt sich von Außen über seine Wahrnehmung des Gegenstands entgegen.3vgl. Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Steiner, Seite 19 Dem Begreifen geht die Vorstellung vom Zu-Begreifenden voraus und: eben dieses ‚Sich-Vorstellen‘ verstellt es damit.4vgl. Klaus Heinrich, in: Arbeiten mit Ödipus: Begriff der Verdrängung in der Religionswissenschaft, hrsg. von Hans-Albrecht Kücken, Dahlemer Vorlesungen Band 3, Stroemfeld/ Roter Stern, Frankfurt am Main, Basel, 1993, Seite 72 Das Subjekt der Erfahrung, oder der Begriffsbildung geht an den wohlmöglichen Bestimmungen der Eigenschaften, aus dem unbegriffenen Horizont unterstellter Qualitäten irre. Das Erkennen eines Gegenstandes – die Begriffsbildung über einen Gegenstand – ist weniger von der Erkennbarkeit des Gegenstands abhängig, er bräuchte hier seinen menschlich machenden Rohstoff nicht mitliefern, sondern mehr von der Vor-Stellungsentwicklung über den Gegenstand: Erfahrung a priori. Der Erfahrungsschatz des wahrnehmenden Menschen ist ein Depot überwundener oder abgelegter Einstellung oder Vorstellungen: Es ist das Licht in der Dunkelkammer Realität. Das Transzendentale Subjekt ist nicht nur fähig aufgrund bestimmter Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung, Erfahrungen ohne leiblichen Kontakt mit einen Gegen-Stand zu machen, denn es kann spekulieren, vor-stellen. Dass heißt, ein in der Wahrnehmung bestimmter Gegenstand wird nie mehr nur unmittelbar (totalitär) ins Sichtfeld eindringen: die von ihm zu machende Erfahrung ist in seinem Erscheinen schon vermittelt, d. h. mit dem Gegenstand erscheint zugleich sein analogischer Geist von ihm mit; die am bestimmten Gegenstand vorher tätigen Geister, gemachten Erfahrungen treten in diesem Sinn mit dem wahrgenommenen Gegenstand und dem Beobachter des Gegenstandes auf.
Aufklärung und ihr Schatten
Das Erkannte objektiviert mehr und mehr den Erkennenden – es bettet seinen Weg, führt ihn: Die entdeckte Logik eines Vorgangs geht gegen den Entdecker vor, bzw. logifiziert den Entdecker. Das Antizipierungsvermögen kann als latenter Tonus, als Erfahrungslast der Angst die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung beschweren, beeinflussen, determinieren. Aus dem Zeitvorsprung – Erfahrungen können a priori entwickelt werden, die eventuell hinter jedem Objekt lauernde Gefahr, zumindest die Ungewißheit darüber schneller zu überwinden –, wird die Annahme gesponnen, dass hinter allem und beständig Erfahrung ausgeschwemmt oder wieder zitiert wird, oder der Zweifel begleitet die wahrnehmende Existenz, etwas nicht zu erfassen, und zu vermuten, dass etwas verborgenes bleibt. Andererseits ist kaum etwas in der Welt, dass nicht schon belichtet worden ist. Das Vorstellungsvermögen als ein Regulativ, nicht ohne Vorbereitung vor der Welt zu sein.
Lernen schwer gemacht
Im Begreifen – Aufklären – des Gegenstands, Phänomens, Begriffs ist zugleich ein Bedrängen des Gegenstands, Phänomens, des Begriffs und der eigenen Erfahrungen einzugestehen. Die Beschäftigung mit einem Phänomen dient eigentlich dessen Abwehr: Stete Reduktion auf Bekanntes zum Zwecke der beruhigenden Kontrolle. Eine Erfahrung – das Begriffene – bedrängt daher das ihr Außenliegende, weil das ihr Außenliegende sie bedrängt. Wer hält sich nicht gern an seine Erfahrungen? Als ob durch das Hervorrufen der Begriffsarbeit – oder wie soll man das sprachliche Hin und Her im Bezeichnungsakt nennen? – der Gegenstand ins Verschwinden gebracht, gedrängt wird. Insofern bezeugt jede Erkenntnis zugleich die Abwehr des vormals als erkannt geglaubten Gegenstandes. Je nach Beobachtungsperspektive: Verneinung, Verdrängung, Kontrolle durch Bemächtigung. In dieser Ambivalenz wären Naturgesetze (als Erklärungsmodelle zur Beherrschung von Natur) eine Verneinung der Natur: Der Beobachter macht sie nur sich selbt zu recht. Theorien bedeuten in diesem Sinn eine Abwehr des in ihnen Verhandelten, um es in den Griff zu bekommen. Genau diese Last der Erkenntnis wird mit dem Jargon der wertfreien Wissenschaftlichkeit, wenn nicht verdrängt, so aber verharmlost. Der Bemächtigung des Erkannten durch die Angst oder der Ermächtigung der Angst durch Erkenntnis in angstauslösenden Erscheinungen geht ein Begreifen voraus, welches mit der Aufklärung dieser Erscheinungen eine Abdunkelung auf der anderen Seite erreicht. Es entsteht eine >Bereitschaftspflicht< des erreichten Wissens, damit es mächtig über den bezwungenen Angst-Arealen, Phänomen bleibt, dass die Theorien halten vor den unbegriffnen Massen der Phänomene. Das Bezwingen der Katastrophen bricht sich in der Angst vor Katastrophen Bahn – dass das Bezwängte sich wieder befreit. Die Antizipation der Katastrophe, um sie zu verhindern. Die Bezwingung des Flusses mit dem Damm erklärt sich im Dammbruch. Je größer die Bezwingung, desto wahrscheinlicher ihr Versagen. Die sich in den großen Leistungen des Bezwingens, Bemächtigens ausdrückende Macht ist jedoch das, was diese Leistungen unheimlich machen. Die Mächtigkeit des Bezwingenden wird zunehmend eine Ohnmächtigkeit vor dem Bezwinger (und seinem Bezwungenen). So wunderbar konstruierte Maschinen produzieren jene Ohnmächtigkeit für ihre Anwender, zu deren Erleichterung sie gemacht waren (, denn der Hochofen verlangt nach seinem beständigen Betrieb). Das Problem unzureichender Gebrauchsanweisungen beginnt hier: Die Furcht vor der Komplexität einer Internet-Kaffeemaschine setzt noch vor dem Geschriebenen ein und übersteigt das Nutzungsverhältnis – was natürlich nicht in der Gebrauchsanweisung beschrieben wird.
Die Arbeit des Negativen
Diese Lern-Arbeit zeugt vom Schmerz, vom Leiden, ist die Arbeit des Negativen: wo etwas erscheint, wird es sogleich mit Negativität aufgehoben – selbst die Dinge erleiden menschliche Tätigkeit, um „dernach ihre Bezeichnungen, ihre Namen zu erhalten“5„Alle Dinge treten in den menschlichen Gesichtskreis, d. h. sie werden erst zu Dingen, in dem Maße als sie menschliche Tätigkeit erleiden und dernach erhalten sie ihre Bezeichnungen, ihre Namen.“ Ernst Cassirer zitiert in angegebener Textstelle Ludwig Noiré. Vgl. Ernst Cassirer, in: Philosophie der symbolischen Formen, Erster Teil Die Sprache, Hrsg. Birgit Recki, ges. Werke, Hamburger Ausgabe, Band 11, Felix Meiner Verlag Hamburg 2001, Seite 259 Erfahrungen sind strategische Instanzen, Leiden zu verhindern. Lernen ist die Prüfung des Leiden-könnens am eigenen Körper. All die humanen Vermögen, die sich so geschichtlich entwickelt und erfunden haben, zeugen von der Leidensfülle und -fähigkeit. Unseren intelligiblen Möglichkeiten gingen leidgeprüfte Zusammenstöße von Unerfahrenheit und Welt voraus. Erfahrung stellt schon Leid-Bewusstsein dar (und vermeidet daher neue Erfahrungen). Kann das menschliche Subjekt nicht Herr seiner Leidensgeschichte werden, oder sich als dieser Herr verstehen – Leidens unfähig und bewusstlos vor lauter Schmerz, so leidet es an seinem Leiden, an seinem Leidensvermögen, an seinen nicht mehr überschaubaren Möglichkeiten. Distanzlos zum Leiden „erfährt“ es nun seine Krankheit und erkrankt an dieser Erfahrung.
- 1Zum Begriff des Erkennens, des Fürsichseins, des Bewußtseins siehe G. F. W. Hegel, in: Philosophie der Geschichte, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 612 (1986), Werke 12, Seite 388 f
- 2vgl. Slavoj Zizek, in: Verweilen beim Negativen. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus II, Turia & Kant Wien 1995, 1995Seite 84, 85
- 3vgl. Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Steiner, Seite 19
- 4vgl. Klaus Heinrich, in: Arbeiten mit Ödipus: Begriff der Verdrängung in der Religionswissenschaft, hrsg. von Hans-Albrecht Kücken, Dahlemer Vorlesungen Band 3, Stroemfeld/ Roter Stern, Frankfurt am Main, Basel, 1993, Seite 72
- 5„Alle Dinge treten in den menschlichen Gesichtskreis, d. h. sie werden erst zu Dingen, in dem Maße als sie menschliche Tätigkeit erleiden und dernach erhalten sie ihre Bezeichnungen, ihre Namen.“ Ernst Cassirer zitiert in angegebener Textstelle Ludwig Noiré. Vgl. Ernst Cassirer, in: Philosophie der symbolischen Formen, Erster Teil Die Sprache, Hrsg. Birgit Recki, ges. Werke, Hamburger Ausgabe, Band 11, Felix Meiner Verlag Hamburg 2001, Seite 259