280, kapitale Robinsonaden
Die in die private Gesellschaft sich aus der Arbeit verurlaubenden Kohorten benutzen für ihre temporär mit Urlaubstagen vergütete Flucht aus den erschöpfenden Arbeitsverhältnissen gern Inseln als Reiseziele: kapitale Robinsonaden. Der verabreichte Inselurlaub stigmatisiert die Sehnsucht nach Flucht in eine bezahlbare Etappe im Ressort. Geplanter Sonnenuntergang kann nicht schaden. Unabhängigkeitswünsche werden durch die Versicherung abgesichert und zeitlich befristet. Das Überschaubare am Eiland zeigt das Partizipieren am Überschaubaren an; die Sehnsüchte bleiben kontrolllierbar. Die Unübersichtlichkeit der hiesigen Welt bzw. der notwendige Aufwand für Erkenntnis schlägt in das individuell noch tragbare Bedürfnis um, Überblick zu behalten. Diesem Bedürfnis wird im Reisehandel entsprochen: als eine temporäre Erfüllung von Überschaubarkeit, die manchmal zum bloßen Luxus von Körperberührungen – Massagen – hochgeschraubt wird oder in der Verluxung von notwendigen menschlichen Lebensprozessen (Abhängen und Essen) als Extravaganz zu Tage tritt. Solche Wunscherfüllung, Unterhaltung zielt auf die Passivität der betroffenen Urlauber ab – Luxus als bezahlte Faulheit. Der Urlaubs-Mensch gibt seinen humanen Untergrund fürs Vegetieren auf.

Süddeutsche Zeitung