214, Depression frisst Montag

Während depressiver Episoden wird die biografische Selbsteinschätzung zu vergangenen Erfahrungen von konstruierten Erinnerungen überschrieben, blockiert oder manipuliert: Selbstschutz. Die Brücken zu den realen Begebenheiten der Vergangenheit sind durch traumatische Gebäude versperrt oder nerval niedergebrannt. Das Hätte, Wäre entleert das Hier und Jetzt. Der Blick auf die eigene Geschichte ist getrübt, weil sie so grausam war, dass das beschädigte Selbst sich töten, mindestens sich abstumpfen musste, um als Undercoveragent zum Schutze des eigenen Lebens fort zu bestehen – to be alive.1Vgl. Alice Miller, in: Das Drama des begabten Kindes, Suhrkamp Taschenbuch, Seite 43 Die erlebte Kindheit wird durch die eskalierenden weil traumatischen Erinnerungen wieder und wieder gedemütigt – man konnte sich nicht schützen, woraus ein Ungenügen gegen sich selbst erwächst: Diese Ohnmacht hängt einem nach, im Kopf fest. Tag für Tag. Man kann kaum davon loslassen, definiert sich am erlittenen Trauma. Misserfolge werden mit den traumatischen Schwächungen „gerechtfertigt“, als würde man diese Strafe verdienen – man richtet sich in der gelernten Nichtigkeit ein. Die traumatischen Erfahrungen fressen am aktuellen Leben, halten es im triggernden Trauma fest. Die Erfahrung als Führer durch die Gegenwart hat ausgedient.2Vgl. Richard Sennett, in: Der flexible Mensch (im Original „The Corrosion of Character“), Siedler Berlin, Seite 129
Der Brunnen der Erinnerung aus voll quellenden Schmerzen – aus ihm kann nichts Positives gezogen werden. Jeder Tropfen normative Nahrung wie Gift wabernder Wunden. Woher sollen die wirklichen Jetztpunkte enttäuschter Gefühle kommen, ohne dass das quälende Gestern bewältig, enttarnt wurde? Die Gegenwart ist von einer die Gegenwart zerstörenden Vergangenheit vollgepumpt – die erlebte Echtzeit wird am erinnerten Gestern bemessen. Fest geschraubt im Trauma.

Ich, ca. 3 Jahre alt.