267, Zeichnen als Berührung denken
Ich zeichne eine Linie, kurz vorher eine Ahnung: Ein Zwischen von Hintergrund und Gegenstand wird Form im Auge Hirn, dann zur Kontur im Papier vibrierend: das Gezeichnete kann im Zeichnen zur Gestalt des zeichnenden Körpers hinübertaumeln. Die Linie als Berührungsgrenze: des Stifts mit der Welt zwischen mir und dem Papier. Das Gesehene wird haptisch im Zeichnen erleichtert oder verstärkt. In der Zeichnung wird der Unterschied zwischen Beobachter und Beobachteten in der Darstellung zur Form vollzogen. Die wahrgenommenen Eindrücke als transformierte Ausdrücke werden im Be-Zeichnen gegen die Realität ästhetisch abgedichtet.
Den Akt der Zeichung sich vorstellen als Berührung, die zur Linie gequetscht wird: worin Beobachtung, Beobachtetes und Beobachter zusammen kommen. Als eine Verlängerung des Gesehenen ins Sichtbare hinein, zurück ins Wahrnehmbare einer Gestalt auf dem Papier oder der Leinwand. Das Gesehene – die Blume, die Wolke – wird nun durch die Zeichnung, d. h. durch die geglückte, weil wahrgenommene Berührung in der selbstischen Gestaltung gesehen: als formales Zeichen oder Zeichnung. Ein neuer Aggregatzustand der Wahrnehmung ist entstanden.

Bild 1, aus der Serie „Choreo / 2024“, © Hans-Georg Köhler
https://hansgeorg-koehler.de/zeichnung/choreo-2024/