# 13 / Säen & Sehen

(Wiederholung durch Wissen : Wissen durch Wiederholung)

Wenn Modelle aus beobachteten Wiederholungen von Ereignissen und Erfahrungen künftige Erwartungen ableiten, so erwachsen aus sich wiederholenden Beobachtungen abrufbare Strukturen der Erfahrung: Muster. Sie helfen Orientierung herzustellen und Erwartungen zu stabilisieren. Die Wiederholung kulminiert in der Erwartung der Wiederholung und: die Erwartung der Wiederholung provoziert Wiederholung. Durch die Wiederholung kommt es zur Gewöhnung ans Wiederholte. Die Sinne flachen ab. Theorien, Modelle, Weltbilder beschreiben nicht lediglich voraussagbare Ereignisse, Erfahrungen, sondern richten sie auch ein. Das Erkennen von Mustern geht über in deren Konstruktion. Erfahrungen entstehen also auch als synthetische Konstruktionen und erschaffen ihren Beobachtungsgegenstand selbst. Sternzeichen und Wolkenbilder. Farbe, Formen, Ordnungen, analoge oder homologe Vergleiche sind Netze, um die Gegenstände zu fangen, um sie in den Blick zu bekommen. Theoriebildung als Modellierung schafft synthetisierte Aussagen über das Beobachtete. Die Wiederholung wird durch die synthetische Konstruktion als Modellbildung kenntlich, als Beobachtungsstruktur synthetisiert. Ohne diese Konstruktion von Welt würde konstatierbare Wiederholung seltener erscheinen und erkannt werden. Die Methode, vergleichbare Tatsachen durch die synthetische Vergröberung der unbekannten Phänomene herzustellen, führt dazu, die Wiederholungen von Strukturen, Ereignissen nicht nur zu erkennen, sondern auch zu bilden.

1© Hans Georg Köhler

„Ich bin der Meinung, dass Organismen nicht passiv auf Wiederholung eines (oder mehrerer) Ereignisse warten, um ihrem Gedächtnis Regelmäßigkeiten oder regelmäßige Verbindungen einzuprägen oder aufzudrängen. Vielmehr versuchen die Organismen ganz aktiv, der Welt vermutete Regel­mäßigkeiten (und damit Ähnlichkeiten) aufzudrängen.
Wir versuchen demnach, Ähnlichkeiten in unserer Welt zu entdecken, und zwar im Lichte von Gesetzmäßigkeiten oder Regelmäßigkeiten, die wir selbst versuchsweise eingeführt haben. Ohne auf Wiederholungen zu warten, machen wir Schätzungen, stellen Vermutungen an; ohne auf Prämissen zu warten, springen wir zu Schlüssen. Diese müssen vielleicht aufgegeben werden; und wenn wir sie nicht rechtzeitig aufgeben, werden wir womöglich mit ihnen beseitigt. Genau diese Theorie aktiv angebotener Vermutungen und Widerlegung (durch ein Art natürliche Auslese) möchte ich anstelle der Theorie der bedingten Reflexe vorschlagen und anstelle der Theorie, es gebe auf natürliche Weise wiederholbare Reize, die der Organismus zwangsläufig als dieselben ansehen müsse. Für uns sehen sich zwei Spatzen außerordentlich ähnlich, aber wohl kaum für Spatzen.“2Karl R. Popper, in: Karl R. Popper und John Eccles „Das Ich und sein Gehirn“, Piper Verlag Münschen, 1982

3© Hans Georg Köhler

Die Grenzen des sinnlich Erkennbaren, also die menschlich fassbaren Qualitäten des Hörens, Sehens, Fühlens usw., als die Grenze der ästhetisch bestimmten Wahrnehmung werden durch die methodisch-konstruierte – synthetische – Sprengung überwunden. Rein vernünftig kennen wir das Rote, weil wir es wissen.

 

 

 

 

Kategorisiert in: