282, Existenz und Produktion, nach Marx
„… Die abstrakte Existenz des Menschen als eines bloßen Arbeitsmenschen, der daher täglich aus seinem erfüllten Nichts in das absolute Nichts, sein gesellschaftliches und darum sein wirkliches Nichtdasein hinabstürzen kann – wie andrerseits die Produktion des Gegenstandes der menschlichen Tätigkeit als Kapital, worin alle natürliche und gesellschaftliche Bestimmtheit des Gegenstandes ausgelöscht ist, das Privateigentum seine natürliche und gesellschaftliche Qualität (also alle politischen und geselligen Illusionen verloren hat und mit keinen scheinbar menschlichen Verhältnissen vermischt ist) verloren hat […].1Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 525
„… Und als Arbeiter sind seine menschlichen Eigenschaften nur da, insofern sie für das ihm fremde Kapital da sind.“2Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 523
Kapital und Psyche
Wenn psychologische Störungen als Pathologien eine Folge der entfremdeten Arbeit im gesellschaftlichen Arbeitsprozess sind, haftet seinen Produkten das Mal der gestörten Produzenten an. Der Arbeitsprozess bildet Ver-Störungen in den daran involvierten Menschen ab: Diejenigen Störungen, die angestellte Menschen mitbringen müssen – um das zu tun, was sie tun sollen, und diejenigen Störungen, die sie durch ihre entstellenden Tätigkeiten in ihrer Lebens und Arbeitspraxis erzeugen und verstärken. In der entstellenden wie entfremdeten Tätigkeit kann die angestellte Person als soziale Person überleben – denn in dem Verhältnis zur Produktion wird ihr Verhalten als sozial anerkannte Person bestimmt. Die soziale Existenz wird aus dem eingenommenen Verhältnis zur Produktion bestimmt, die dem Menschen seine sozialen Bedingungen menschlicher Ausdrucksweise entzieht. Manchmal gelingt es, unter den Symptomen sich zu verstecken. Die Sicherung des biologischen Lebens, um sozial, menschlich leben zu können, verkrüppelt eben diesen Zweck. Arbeit zu haben, gilt nunmehr überhaupt als Lebensberechtigung im Kapitalismus. Ihr gesellschaftlicher Status ist Mittel der (sozialen) Existenz geworden.
„Indem daher die entfremdete Arbeit des Menschen den Gegenstand seiner Produktion entreißt, entreißt sie ihm sein Gattungsleben, seine sinnliche Gattungsgegenständlichkeit und verwandelt seinen Vorzug vor dem Tier [„… Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewußtseins.“3Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 516] in den Nachteil, daß sein unorganischer Leib, die Natur, ihm entzogen wird.“4Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 517
Verkörpungen
Der von Marx beschriebene Prozess körperlicher Entfremdung äußert sich in einer Symptomatik, die von den betroffenen als taubes Gefühl, leblos, von ihnen als funktionioelle Hülle erlebt wird. Diese unorganische Natur5„Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozeß bleiben muß, um nicht zu sterben.“ Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 515 des den Körper von sich selbst entfremdenden Arbeitsprozesses tritt dem arbeitenden Menschen als sein werkzeughafter Körper, als ein ihm fremd gewordener im eigenen Leib entgegen. Am Grund dieser werkzeughaften Natur des Arbeitsprozesses entwickeln sich die Bedingungen für eine Angst vor Verkörperungen, vor Instrumentalisierungen. Das Desinteresse für jeglichen körperlichen Einsatz in Bereichen, die über die bloße Arbeit hinausgehen – wie musische Betätigung – scheinen ebenso naheliegend wie deren ersatzbildender Fetischcharakter. Die Phobie vor Verkörperung von funktionellen Tätigkeiten ergreift den derart arbeitenden wie bearbeiteten Menschen. Der Ekel vor dieser zweckrationalen Natur des Arbeitsprozesses ist das Produkt des zur Entfremdung führenden, aber sein Leben erhaltenden Stoffwechsels mit ihr. Es ist seine zwangvolle Betätigungsweise, die dem darin verwickelten Menschen entgegen schlägt. Der Ekel vor Kalbsfleisch ist daher der Ekel vor dessen entgegenständlichender, menschlich entfremdeter Herstellung. Der Körper entkörpert sich in seiner Produktion. Die in den Produkten der Produzenten geopferte Umwelt verkörpert sich im ihm fremd werdenden Körper. Seine Sinne, seine Kommunikation im sozialen Leben arbeiten mehr und mehr am Entzug dessen, was dem Menschen Gewißheit im Lebensprozeß verschafft. Das noch bloß sinnlich Wahrgenommene entwickelt sich zum Phänomen des menschlich-sinnlichen Entzugs und wird als romantisches Vehikel zum Defizit an sinnlicher Gegenständlichkeit. Die abgestumpften sinnlichen Fertigkeiten scheinen das Individuum vom bisherigen Erfahrungszusammenhang zu verrücken. Der Mond, die Sterne, der Himmel und die grünen Blätter sind das letzte Reservoir menschlicher Entzückung geworden. Der gefühllose Arbeitsprozess bringt das sinnliche Gefühl zum Erliegen. Dieser Mensch steht sich fremd, sich selbst als Geist gegenüber, als Alien. Statt: Im Anderen bei sich zu sein (Hegel), wird das Ich der Andere in mir. Das, was das Individuum unter seinem Ich subsumiert, wütet als Anderer in ihm. Die verrückten Geister kommen aus dem Produktionsprozess, sie werden also tatsächlich produziert und sind nicht in der vergegenständlichten, entnaturalisierten Natur nur verkörpert, denn sie sind sein produziertes Geisterbild.
Fetisch
Ein Fetisch als nicht eingestandene Entzweiung mit dem Produkt. Es verkörpert den Versuch, die Produkte, Ergebnisse der entfremdenden Aneigungsweise des eigenen werktätigen Lebens als angenommene Verdinglichungen mit den potentiellen Urheberinnen zu versöhnen.
- 1Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 525
- 2Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 523
- 3Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 516
- 4Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 517
- 5„Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozeß bleiben muß, um nicht zu sterben.“ Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 515