204, Liebesthesen

Die vielzähligen Projektionen auf den Liebesbegriff als Sehnsuchtsort unerfüllter Begehren (seine poetisch-ästhetische Ausschlachtung) zeigt ein kulturelles Abziehbild der Liebe in ihrer Umkehrung: als ein Mangel an sich selbst mit sich zu sein. Die Sehnsucht, sich für den anderen zu überwinden. „Der Andere ist mir schuldig, was ich brauche.“1Roland Barthes, in: Fragmente einer Sprache der Liebe, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1988 Taschenbuch, Seite 121 Nur in der Verweigerung gerät der Andere zum Begehrenden in Schuld. „Was anders ist nun aber das Selbst der Begierde (das Selbst des hungrigen Menschen zum Beispiel) als ein nach Inhalt lechzendes Leeres, ein Ich, das sich anfüllen will durch das, was voll ist, sich anfüllen will, indem es dieses Volle leert, sich (wenn es erst einmal angefüllt ist) an die Stelle dieses Vollen setzen will, durch sein Volles das Leere einnehmen will. Welches durch die Aufhebung des Vollen entstanden ist, das nicht das seine war?“2Alexandre Kojève, in: Hegel, Kommentar zur Phänomenologie des Geistes, stw 97, Seite 55 Die Verletzung der auf sich gedachten, gefühlten, aber nicht vollzogenen Einheit des Liebenden als Verausgabung, als Ausfluss auf begehrte Oberflächen der Projektion schwächt das Individuum, wenn es sich nicht künstlerisch abzufangen weiß und als unerfüllt doch liebendes Selbst sich aufheben kann. Der menschlich leidende Verzicht auf den Leib des Anderen, der Verzicht auf dessen Verschlungenwerden und den eigenen Verschlingungsprozess ist das andere Ende des Stricks, eine künstlerisch in Angriff genommene „Substitution des Selbstmordes“.3vgl. Roland Barthes in: Fragmente einer Sprache der Liebe, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1988, Suhrkamp Taschenbuch, Seite 121

Dialektik des Vampirs: Sofern nicht gesaugt werden kann, muss gestorben werden – aus Blutmangel und Lichtzwang. Wenn der Liebende nicht den Geliebten erfährt, Herrschaft über sein Begehren/ Begehtes erlangt, sich nicht in den Griff bekommt, schwebt er in Lebensgefahr und, oder entwickelt Tötungsabsichten: „glaubt er sich nur getötet überwunden“. Er beginnt sich selbst auszusaugen. Ermächtigt zum eigenen Leben, schlagen die Zähne ins eigene Fleisch.

Der nicht begehrt, tötet nicht.

Von Liebe getroffen zu sein, ohne eigenen Grund, ist ein Entführen des getroffenen Subjekts von seiner ihm gewohnten Wahrnehmungsweise, aus seinem Erfahrungsschema. Es muss seine alte Haut verlassen. Der Liebende wie Geliebte ist ein Räuber.

Die ästhetischen Dämme, die den Fluchtweg eröffnenden, verdeckenden Artefakte, die das Substitut der drohenden Auflösung auffangen, sind existentiell. Das betroffene, der Liebe ausweichende Subjekt hat in der produzierten Leere der unbestimmten Vielheit seinen Kern, seine durch nichts Konkretes zu störende Sicherheit. Aber sein poetisches Auslaufen wie Abfangen kriecht in jede Gestalt, seine Häutungen werden Teufels Gewänder. Die Schutzbedürftigkeit vor der liebenden Verausgabung zieht das weichende Subjekt ebenso in den Sog seiner Auflösung wie die Wege zur Kopula. Die Karriere des Enthaltsamen beginnt am Geliebten.
Das liebende Ich kennt sich nur als Wunde – der Ausfluss des Blutes zum Herzen ist ein Rückfluss gesehnter Aufmerksamkeit gegen seinen Körper.

Im Verliebtsein verlebendigt sich das Früher (z. B. das Bedingungslose Vertrauen in der Kindheit zu den Nächsten), die Vergangenheit wird wieder als Geborgenheit gegenwärtig – geborgen. Die Erinnerung perforiert das verliebte Subjekt mit seiner eigenen unschuldig masturbierenden Kinderhand. Die frühen Landschaften verlieren ihren Selbstzweck als geglückte Regression.

Das der Andere die Bedürfnisse, Begierden des nach ihm verlangenden Subjekts auf sich nimmt, zeigt den Mangel des Verlangenden seiner nicht bei sich seienden, auf ihn selbst gehenden Erfüllung an. Der Andere fungierte als Abbildung und Scanner des Ich. Der Andere sieht meinen Bedürfnissen ähnlich, aber er ist mir nicht ähnlich. D. h. mit seiner gegen ihn gerichteten Negativität (denn er entäußert sich für mich) oder mit meinem negativen Begehren, Festhalten auf ihn – der mit Begehren erzeugten Vorstellung über das andere Leben – wird er erst die Abbildlichkeit des auf ihn Dringenden erlangt. Die Abbildungsleistung/ Übertragung bedeutet einen Eingriff, der jederzeit auf den Operanden zurück schlagen kann. Wettlauf der Zugriffe.

Ein Schritt zurück: Die Projektion auf den Anderen als Anderes ist schon zur Erfüllung des Projektors fähig, dienstbar. Ein externales Ich, das zum Anderen nicht mehr ankommt, im Absender verharrt. Mister Jekyll oder Mister Hyde. Er muss das Opfer nicht mehr anfassen, wenn er es tötet, aber er kann es in diesem barbarischen Akt als seine Projektionsfläche abschaffen: Der Andere ist mein Ich, als wären wir beide nur eines – und so werfe dich/ mich aus meinem Körper. Den Körper zerlegen also, zu sehen, wo die Liebe ist, was sie umschloss, was sie ist oder war. Wecker zerschlagen, zu wissen, was die Zeit ist. Liebe – Wiedererlangen der selbstischen Geburt.

Auf dem Grund des Subjekts soll Zärtlichkeit stehn. Die beherrschte Form der Gewalt als ästhetischer Ausfluss oder letzter Damm: Kunst. Die gebändigte Bestie. Das Leiden muss aus der Nähe der Schnitte kommen können. Das Leiden erst konstruiert den Liebenden, den Freund. Leidenschaft, die Fähigkeit zu leiden. Für den Anderen. Für sich selbst. Für die Toten.
Das Lieben als Außer-sich-sein durch Objektwahl ist ein Schiffbruch im Ichkanal. Das drohende Pendel schwingt vom Punkt der Angleichung an den Anderen als Mangel des liebenden Ich bis zur Rechnung des Anderen im Fleischhandel.

 

 

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