288, Beobachten und Zweifeln mit Hegel

Der Beobachter wird, um später die Erkenntnis bei sich zu haben, außer sich gehen, sich durch die Öffnungen des Geistes, sehend, hörend usw. nach der sinnlichen Welt „verlassen“, „entäußern“: als Beobachter 2. Ordnung. Ohne diese Entäußerung der Beobachtung kommt Selbstvergewisserung nicht aus: Die Möglichkeit zur Reflektion über das Beobachtete bestimmt die – sich etablierende – Selbstgewissheit über das Beobachtete. Die beschreibbar gewordenen Objekte formieren Bewusstsein über Objekte. In diesem Verlauf der Reflexion des beobachtenden Subjekts muß es die Erfahrung in sich hineinziehen, „[D]aß es sich selbst als elend und nichtig wisse. Das äußerliche Unglück muß […] zum Schmerze des Menschen in sich selbst werden: er muß sich als das Negative seiner selbst fühlen, er muß einsehen, daß sein Unglück das Unglück seiner Natur sei, daß er in sich selbst das Getrennte und Ent­zweite sei.“ Aus dieser „Bestimmung der Zucht in sich selbst, des Schmerzes seiner eigenen Nichtigkeit, des eigenen Elendes, der Sehnsucht über diesen Zustand des Innern hinaus […] ist das Höhere aufgegangen, daß der Geist zum absoluten Selbstbewußtsein gekommen ist, indem er sich aus dem Anderssein, welches seine Entzweiung und Schmerz ist, in sich selbst reflektiert.“1G. W. F. Hegel, Philosophie der Geschichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, stw 612, Werke 12, Seite 388

Zweifeln mit mir
Ist diese Erfahrungsspaltung eine wissenschaftliche Erfindung der Entblößung des Objekts im Subjekt? Die Zugriffe auf die Appendixe des humanen Subjekts, des nicht festgestellten Tieres, sein Fell im Auge, seine Kotze im Mund, Zunge schon Organ – endlich wahrgenommene Areale: Selbstbewusstsein.2Vgl. Slawoi Zizek, Verweilen beim Negativen. Turia & Kant, Wien 1995, Seite 84, 86 Die Überwindung der Objektgestalt des Subjekts – also des Bewusstseins des Wahrnehmungs- und Erfahrungsraumes im Körper, das optisch erscheinende Material, das als Körper dem Subjekt zugeordnet wird, bedeutet die Auflösung des normalen Ichseins zur Kunstform: Der Schrei gegen den Körper: nach ihm. Das Ich und sein Auslauf: eine überirdische Kloake mit Fäkalienausfuhr seiner erbrochen Zeit. Diese Verbindung – die Klarheit der Gedanken bei so viel Unreinem im Gesicht, zwischen den Zehen – nötigt die Körperlichkeit des Subjekts zur widersprüchlichen Selbstverschlingung. Black hole. Der Geist, in seiner Klärungswut, der Dechiffrierungen, Identifikationen, Objektivierungen ist eine Herrschaar von Geiern, die sich selber fressen; kurz zuvor sie hoch droben schweben. In der grauen Rinde. Hemisphäre.

Eine In-Eins-Setzung. Auf dem Teller liegt dann ein Magen, der Kelch der Blume leuchtet als Auge. In-Eins-Setzung, Verklumpung, Verschmelzung von Beobachtung (neuronales Feuern) und dessen Form als Beobachtetes: Ist das ein Gegenstand, sind das bestimmte Energiepotentiale im Gehirn, ist das ein Objekt? In-Eins-Setzung von Wunsch und Gewünschten, Verlangen und Erlangten, Wollen und Gewollten, Trieb und Betriebenen. Tätigkeit und Tat.

Auf dem Teller liegt ein Magen: kann heißen, dass das als Äußeres erkannte schon innerlich konditioniert ist, was zur Auflösung der Begrenzung des Ich führt. Das in der Welt Gesehene wird als Bestandteil dem eigenen Körper zugedacht. Eine Konstellation des Wahnsinns ist es, alles auf sich zu beziehen – das Zweifeln kommt nicht zur Ruhe und gestaltet die Bedingungen für den triadischen Käfig der Depressionen.

 

 

  • 1
    G. W. F. Hegel, Philosophie der Geschichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, stw 612, Werke 12, Seite 388
  • 2
    Vgl. Slawoi Zizek, Verweilen beim Negativen. Turia & Kant, Wien 1995, Seite 84, 86