231, Katastrophische Ereignisse – abbildlich ästhetisiert

Die kamerataugliche Näherung an Phänomene, an katastrophische Ereignisse mit deren Abbildung: Der belichtete Moment – der fototaugliche Augenblick – wird als Hort eines archivierten Gestern befristet, befunden als wiederauffindbar gekennzeichnet abgelegt. Der belichtete Ort, das Erlebnis wird durch dessen abgebildete Archivierung besetzt. Schnappschüsse als Platzhalter für zukünftiger Vergangenheiten. Um der Gewissheit willen, morgen noch sich seiner Vergangenheit zu versichern. Die geforderte Veränderbarkeit aller Verhältnisse als stetes Lernen ohne Ende – jeden Moment kann es anders werden – verunsichert noch das Gefühl für den „schönen Augenblick“. Das kleine Verweilen ist schon nicht mehr machbar, gilt als Unkonzentriertheit und wird permanent produktiven Zusammenhängen zugeführt. Die Gegenwart schrumpft zu einer technisch zu meisternden und zu realisierenden Vergangenheit. Die Zukunft ist ein Schreckgespenst, das mit Vorliebe wuchernde Fotoarchive frisst.

Ästhetik als Distanzversprechen
Die erste Maßnahme Katastrophen zu bewältigen, verlangt deren bildliche Vervielfältigung als Wiederholung, um sie der Gewöhnung zu zuführen. Das Unfassbare als Beobachtbares zu bannen, heißt Abbildungen zu realisieren, die mit ästhetisch-formalen Maß des Abbildens hantieren, damit sie als dokumentarisch gemachte erscheinen können. Das gewährt Distanz.
Bilderzwang als bildlicher Zwang, das Reale ästhetisch zu bezwängen? Die technische Wiederholung (wie in Fotografien von Zeitungen) ermöglicht die Verlagerung der Katastrophe ins statuarische Bild. – Medusas Untergang im Spiegel war dem Ab-Bild geweiht.
Die ästhetische Aufbereitung der zu bewältigenden Ereignisse im Fotoformat ist ein Zeichen dafür, dass sich im therapeutischen Zustand befunden wird: sich zu trösten mit Wiederholungen. Die abbildhafte Vervielfältigung der Störung (als katastrophales Ereignis) wired zums ästhetischen Moment verfestigt: Auf Bilder schauen wir mit anderen (ästhetisch-sinnlichen) Kontexten – sie erlauben (formale) Distanz. Die Toten überleben als Kulturschock, meisterhaft abgelichtet.
Das Einmalige, Besondere eines Ereignisses – was gerade so vermutet, angenommen wird – soll anhand seiner Vervielfältigung bezwungen werden. Millionenmal ein Bild gesehen, verdünnt das Abgebildete zur Bedeutungslosigkeit wie der Akt der Wahrnehmung bedeutungslos für das Abgebildete wird. Beliebig geworden – vervielfältigt – zeigt die technisch verhaftete Fixierung (als Abbildung) das Scheitern der Erkenntnis als normative Empathie. In der Abbildung können wir Katastrophen ertragen, oder ihrer habhaft werden.

 

1Preisgekrönt, in: National Geografic