# 15 / ja, nein, bla bla, Prokrastination

Kommunikation als soziale Interaktion zwischen sprachhandelnden Leuten beginnt mit dem Sich-Einlassen auf den anderen, auf Unsicheres, Zweifelhaftes, noch Ungeprüftes, Differentes, auf das, was ohne Gewißheit schon da ist: die Bedingung der Möglichkeit teilzunehmen und zu reden. Möglicherweise eine Lust, in der Gegenwart eines anderen sich gegen den anderen zu differenzieren, weil der andere da ist. Differenz entsteht durch und mit dem anderen Teilnehmer der Auseinandersetzung. Individualisierung wird ermöglicht durch die Abgrenzung, die der Gesprächspartner bietet. Ohne Differenzierung – Meinungsverschiedenheit – gibt es keinen Grund, zu reden. Differenz als Bedingung für Kommunikation wie ihr Ergebnis. Ja: Wenn man nichts hat, wovon man sprechen kann, müsste man darüber schweigen.1Vgl. Ludwig Wittgenstein, in: Tractatus logico-philosophicus, Punkt/ Satz Nummer 7: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“Anders im Streit: hier lauert die Gefahr, dass der kontrollierende Intellekt die erkorenen Entscheidungs- bzw. Abgrenzungsparameter stetig an den Widerstreitenden anpasst oder mit sich selbst verfeindet. Eine Unendlichkeit des Streits entsteht. Oder: Die redende Person untergräbt sich selbst und stimmt mit dem Gegenüber – der er selbst sein kann – letztlich überein. Die Bedingung des Gesprächs – Kommunikation durch Differenz auszulösen – löst sich im Zustand der Übereinstimmung, Einigung auf oder fährt sich fest, wenn die Differenz überbordet und zur Verletzung führt. Man hatte einen Grund, zu reden, aber er führte ins Nichts.

2Foto: Hans Georg Köhler

Dann gibt es noch eine Art idiotische Bewegungsreserve, in der ständig zwischen möglichen Entschlüssen und wohlmöglichen Einigungen, neue Differenzen, neu zu beachtende Schwierigkeiten gesucht werden, und das wohlbekannte ‚Aber‘ die Konstruktion der Unentschiedenheit aufrecht erhält. Der prokrastenierende Idiot pendelt in seinen unendlichen Abgrenzungen hin und her und kommt nicht vom Fleck. Differenzen zum Gegenüber, zum Gegenstand verhärten sich zum Alibi, in der Differenz, in der Frageposition, in der Infragestellung aller Positionen zu bleiben, um nicht in die Aktion gehen zu müssen, um nicht wohlmögliche Konsequenzen einer Entscheidung zu realisieren. Der Spalt zwischen dem Sich-Einlassen auf Zweifelhaftes (Unsicheres) in einer Diskussion und der Haltung, sich zweifellos zum Anhänger des bloßen Dabeiseins der Diskussion, des Streits zu machen – ich will mitreden, jedoch ohne Konsequenz – markiert eine Angst-Reserve gegen eine Ent-Scheidung oder ist der auszuhaltende (psychologische) Spagat, um vor der Entscheidung, Aktion zu verharren. Solange man mitredet, braucht nichts entschieden zu werden. Aber nein, aber ja, aber nein. Der Entzug, die aktive Ent-Haltung vor einer durch Entscheidung ermöglichten Erfahrung oder das Nichtzustandekommen von Praxis durch die Beschneidung der Handlungsfreiheit zugunsten nichtvollzogener oder zukünftig zu erreichender Entscheidungskalküle, läuft auf eine Spekulation nichtexistenter Ereignisse hinaus. Denn die vermeintlichen oder befürchteten Folgen einer zu treffenden Entscheidung werden rekursiv in die Entscheidungskriterien einbezogen und beeinflussen die Entscheidung wie ihr Ergebnis. Die Spekulation auf eine Aktie verändert ihren Wert. Die spekulativen Folgen einer Entscheidung manipulieren somit das Fällen derselben. Das spekulierte Vorherwissen arbeitet gegen die Praxis der durch Entscheidung herbeigeführten Erfahrung und lenkt sie zugleich. Man ist resistent – nicht renitent. Die Verengung des Aktionsradius durch Ausschluss angrenzender Bereiche schränkt das Blickfeld ein und radikalisiert die Wahrnehmung.
Diese hier beschriebenen Schwierigkeiten, Praxis, Leben zu gestalten, d.h., Entscheidungen aus einem schier unendlich scheinenden Reservoir von formalen Kriterien – Formen, die jeweils Unterschiede zur gegenwärtigen Rednerposition markieren –  zu treffen, geben einerseits ein Einblick auf die latente Überforderung informierter Individuen einer Gesellschaft, andererseits formieren sie die existentiellen Bedingungen für tatsächlich wahrzunehmende Praxis.

 

 

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