210, Stillstand und Verkörperung, Formen und Nerven

Das Sein eines angeschauten Bildes an der Wand als wahrgenommene Erscheinung, als sinnlicher Eindruck ist der Zusammenschluss des Eindrucks des Beobachters mit dem wahrgenommenen Ausdruck des Bildes. Der schöne Augenblick ist als Paarung von Bild und Betrachter zu verstehen.
Betrachtung als unendliche Implosion von beobachteten Gegenstand und Beobachter gedacht: Um jegliche Formen eines Bildes zu identifizieren, herauszureißen, muss der Fluss der Formen im Betrachten – für die Zeit des Betrachtens – angehalten werden. Jede gefundene Form, die aus der eigenen Beobachtung herausgeschälte Differenz von Ich und Gegenstand, Beobachter und Beobachtetem – was nichts anderes ist als die erkannte Differenz zum eigenen identitären Begehren in Form einer Form – ist konstitutiv für den Beobachter und für folgende Beobachtungen. Die entdeckten Differenzen der Formen als Verhältnisse der Formen zueinander als eigenen Trennungsprozess von (formalen) Erwartungen der Beobachtung zu beobachten, wahrzunehmen, ist konstitutiv für den Betrachter wie für das Kunstwerk. Im Moment des Wahrnehmens wird das Wahrgenommene zum „Stillstand“ gebracht.1vgl. Paul Feyerabend, in: Wissenschaft als Kunst, Edition Suhrkamp 1231, Seite 128 Das Wahrnehmen eines Wahrnehmungsgegenstandes setzt dessen relative Ruhe, Starre bzw. Fixierung (im Sinne einer fixierten Erinnerung: als nervale Gestalt) voraus oder versetzt ihn im Wahrnehmungsakt in diese. Es hat „eine von Spannung gesättigte Konstellation erreicht“.2vgl. Walter Benjamin, DPW, Seite 595. Benjamin spricht vom Stillstehen der Gedanken, welches ebenso wie die Bewegung zum Denken gehöre. „Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation zum Stillstand kommt, da erscheint das dialektische Bild. Es ist die Zäsur in der Denkbewegung. Ihre Stelle ist natürliche keine beliebige. Sie ist, mit einem Wort, da zu suchen, wo die Spannung zwischen den dialektischen Gegensätzen am größten ist. (…)“ Die >Spannung< zerfällt – wenn genügend (widersprüchliches) Material vorhanden ist, oder sich entwickelt hat, aufgrund der latenten Spannung, in ein Schwanken, das von einem „dialektischen Haushalt“ unterhalten wird. Die Spannung – die gesättigte Konstellation – wird zur dialektischen Bewegung verstofflicht. Es ist so, als würden gerade die größt möglichen Gegensätze gesucht, konstituiert, damit sie Bewegung ermöglichend überwunden werden können. Man löst die alten Gegensätze zugunsten neuer auf. Dialektik trägt pessimistische Gewänder. Die Visualisierung des Stillstands als Verstofflichung dialektischer Bewegung: Bilderzeugung.
So kann der Betrachter durch das Verweilen vor dem Bild nicht nur seinen Wahrnehmungsraum vergrößern, sich in eine Wahrnehmungsstarre heben – er erarbeitet sich damit auch die Möglichkeit, sich gegen seine bisherigen, alltäglichen Zeitläufe, Zweckverbindungen zu setzen, indem er sie und sich ihnen aus setzt. Ich stelle mich dem Problem ‚X‘, indem ich es auseinander nehme, in seine Formenteile differenziere, die Differenzen aus mir heraus setze, sie und mich ihnen aussetze.
Verweile doch, du bist so schön – die Fixierung der Wahrnehmung im Angesicht der Schönheit: Der Moment des schönen Empfindens. Die Schönheit als Verräterin der Normalität – sie irritiert sie – und zugleich Befreierin des Menschen von seiner gemeinen, ordinären Gegenwart. Die Schönheit ist Bremse seines Flusses. Vor ihr kommt er ins Stehen, Verweilen – die Nerven sind außer sich, sind getroffen, tatsächlich erfasst in ihrer Gestalt. Die Identifikation mit dem schönen Gegenstand als das identifikatorisch, evolutionär abgestellte Wahrnehmen oder als das konzentrierte Eingehen aufs Objekt interpretiert, kommt einer Interruption des betrachtenden Menschen gleich, als eine Unterbrechung des Flusses, eine Art Arretierung?3„Einen Augenblick in einer kontinuierlichen Bewegung identifizieren, heißt die Bewegung in diesem Augenblick vorübergehend zum Stillstand bringen.“ Paul Feyerabend, in: Wissenschaft als Kunst, Edition Suhrkamp 1231, Seite 128 Die Arretierung des Betrachters vor der Schönheit eines Kunstwerks, erzeugt einen Formenraum im Betrachter selbst: Einen Verkehr zwischen Nervengestalten und Formgestalten.
Das ist schön, wenn es passiert – weil es passiert.