219, Beschreibung und Beschriebenes

Je totalitärer, d. h. je unkonkreter die Fragestellungen in der Beschreibung zu einem Ereignis inszeniert werden – „Brauchen wir Fliegen, Schweißausbruch und kalter Schauer, Wovor die Deutschen Angst haben, Ratlose Politik, Mutlose Bürger: Sparen wir uns kaputt?“ usw. – , desto absurd-trivialer müssen die Antworten ausfallen. Es sind in ihren verschlungensten Ästen bereits anästhetische Mittel der Desinformation; bei so viel hinterlassener Ohnmacht oder Ja-Nein-Zwangsarithmetik.1Eine Informationssendung („Monitor“, WDR, 6. Mai 2004) wird in der Zeitung folgendermaßen angekündigt: „Das doofe Volk: Kein Referendum zur EU – Verfassung / Folter im Irak: Der moralische GAU der USA / Dick von Fast – Food und Süßwaren: Alarmierende Zunahme von fettleibigen Kindern / Altersdiskriminierung: Mit 47 zu alt für den Job / Mythos Überalterung: Die Fehler der Bevölkerungsstatistik / Glosse: Deutscher Frühling – Armut ist uncool.“ Bei so viel großgeschriebenen GAU überschreibt katastrophische Angst das Real-Geschehen.
Die breite Masse wills doch so. – Demokratie als Massenverhältnis, das sich selbst frisst? Dieses Demokratie-Verständnis drückt kein Massenverhältnis aus, sondern vielmehr Massenverformung.
Dass die Ereignisse an ihre Beschreibbarkeit gebunden sind, wird im Verhältnis der Beschreibung zum Beschriebenen durch den Beobachter ausgedrückt. Der Ausdruck geht so weit wie meine Sinne gehen.2Vgl. Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 541 Die medial gelieferten Beschreibungen schrumpfen die zu beschreibenden Erlebnis-Gegenstände zu Format gerecht erstatteten. Immer wieder steht vor Augen, dass ein sinnliches Ereignis, wenn es zur Nachricht transformiert und verkürzt wurde, das zu Berichtende durch die Be-Richtung auslöscht. Durch populäre wie populistische Medien, durch deren Empfänger empfangen, ist der Gegenstand – das Ereignis –  zum gemachten Nichts, zum Schon-passierten aus-gewiesen. Die Informationsmaschinerie konstatiert nur, stampft das Gestern fest.3„Die ‚informierte Gesellschaft‘ ist […] eine formierte Gesellschaft. Die Nachricht ist immer Gelegenheit der Obrigkeit, die Information an sich schon Instrument der Bewahrung, ein Steuerimpuls. Die Anlage der Informationstheorie ist … auf Sicherung der Befehlssicherung abgestimmt…“ Oswald Wiener, in: Notizen zum Konzept des Bio-Adapters. aus: Schriften zur Erkenntnistheorie, Computerkultur Band X, Springer Verlag Wien und New York 1996, Seite 10 Das schiere Passiertsein lässt die Zukunft entschwinden, nagelt die Gegenwart auf ihre Beschreibung fest.
Es wäre ein Verdienst der Beschreibenden mit der Beschreibung auch die Beschreibungsmittel und Methoden aufzuklären.