# 18 / Selbstzensur, Subversion & Spionage

Abhören beginnt im Ohr, das Sichtfeld wird durch die evolutionäre Kamera im eigenen Hirn gerahmt: Sehend bewege ich mich im Gestrüpp von Zeichen, Schildern, Plakaten, gebotenen Wege-Markierungen im öffentlichen Raum. Quer zum penetrierenden Beobachtungsdruck von Werbeangeboten stresse ich mich nach Hause. Die unvermeidbaren nach Konsumenten, nach mir Ausschau haltenden Werbebotschaften in Bahnhöfen, an Kreuzungen und in Computer-Screens greifen immerzu die sinnlichen Organe an; die Pixel sind tief in meinen Körper gekrochen versteckt, die Reizschwellen der Wahrnehmung allseits unter Strom. Überall Selbstdarstellungsangebote. Ungefragt bedrängt quetsche ich mich mit anderen zwischen Pop-ups durch die Menschen-Menge. Ich will hier raus. Im Bahnhof stehen 2 Fahrkartenautomaten und 8 digital gesteuerte Werbe-Info-Screens.
Einerseits.


Konsum-Leitsystem-Autobahn, Foto-Collage © Hans Georg Köhler, VG Bild Kunst, 2007

Andererseits:
Das um sich schießende, wuchernde Repräsentations­bedürfnis der Menschen der Ersten Welt – gefüttert von der Postpopindustrie mit ihrer anmutenden Demokratisierung marktkonformer ästhetischen Auslese – braucht schließlich die Reverenz der Beobachtung von anderen auf die eigene Performance. Die Vergewisserung des anderen Beobachterstandpunktes (durch die Feedbackschleifen anderer Beobachter, durch die Relevanzspiegel Sozialer Medien) auf das eigene Repräsentationsbedürfnis, ist ein vages Versprechen an den ästhetisch operierenden Selbstdarsteller. Narzissmus wird massentauglich. Das „Wie-werde-ich-von-den-anderen-wahrgenommen“ ist das existentielle Motiv und das in produktaffine Leere laufende Begehren zugleich. Die Selbstdefinition des Einzelnen über die angebotene Aufmerksamkeits- wie Selbstwahrnehmungskultur Sozialer Medien (wie Instagram, tiktok, Facebook, Twitter u. a.) mit ihren normativen Konsum-Zwängen entwickelt sich zur Adaption, wenn nicht Unterwerfung der Teilnehmenden unter die technisch kalkulierten Beobachtungs­prämissen, denn die erhoffte Bestätigung der Fremdreferenz durch Likes wird algorithmisch nivelliert. Die visuellen und akustischen Angebote schleifen die Nerven. Die selbstische Repräsentation passt sich der technisch-kommunikativen Zurichtung der medialen Oberflächen an – share me – und die Selbste werden selbst Oberfläche: Outfit. Das sich selbstdarstellende Subjekt nimmt dieses Umsichher real wahr, als Realität wahr – es ist singulär betroffen. Das Reale ist das vorgegebene, angebotene Beobachtbare. Wir sind in dem, was wir sehen, gefangen. Und was als beobachtbar gilt, ist durch systemische Vorgaben technisch-medialer Zugänglichkeit bestimmt. Aus sich verstärkenden Feedbackschleifen werden Hamsterräder im Monadenkäfig. Jeder generiert seinen eigenen Informationshorizont – und wird gefüttert. Das persönlich bevorzugte Medium sozialer Repräsentanz offeriert bedienbare Schnittstellen für einschneidende Botschaften. Solang ich darauf klotze, macht es etwas mit mir, denn, was ich sehe, blickt mich an. Wahrscheinlich bin ich schon konditioniert.


Selbstbeobachter / SELF-OBSERVER I, Skizze zur Selbstbeobachtung, 2002, © Hans Georg Köhler, VG Bild-Kunst

 

Das individuelle Repräsentationsbedürfnis wird an der Aufmerksamkeitsfloskel der vor-herrschenden kommunikativen Instanzen abgeschliffen. Aus der individuellen ästhetischen Repräsentation, die beachtet werden will, wird dann eine, die ihrer kommunikativen Darstellbarkeit willen – im Sinne des vorherrschenden medial-technischen Stils – gerecht werden will. Zensur als technische Hürde des anschlussfähigen Kommunikationskanals. Die Frage also, wie jemand mit einer Werbebotschaft, einem Kunstwerk oder einer Schlagzeile erreicht werden kann, wie man jemanden definiert, der sich für diese Themen interessieren könnte, bleibt im Aufmerksamkeitsschlund überbordender Reize für die Anbieter der Selbstdarstellungsplattformen nicht unbeantwortbar, wenn auch technisch herausfordernd. Aufmerksamkeitsmacht ist zwingender als das wohlmöglich Interessante. Das Gute setzt sich überhaupt nicht durch, wenn es keinen Sammler, keinen Verlag, keine Durchsetzungsmacht besitzt. Um ästhetisch oder im Sinne der Selbstdarstellung kommunizieren zu können, geht das daran interessierte Selbst mit der gegebenen Kommunikationsstruktur konform, es passt sich ihr an, adaptiert sie: nur Anschluss unter Instagram Facebook tiktok bla bla. Die so verkappte ästhetische Repräsentation des Individuums läuft Gefahr in beliebige, aber werbekonforme Uniformierung überzugehen. Mit den zum Kanal, zu Markte getragenen Ich-Repräsentationen bewegt man sich förmlich = angepasst in den Instanzen der kommunikativen Wahrnehmungsgewalt Sozialer Medien – wo sonst? Aus der Frage, wie möchte ich mich präsentieren, wird die Frage, wie kann ich der öffentlichen – also jeweils mir gegebenen, empfohlenen – Wahrnehmungsweise entsprechen, um präsent zu sein. Die Selektionskriterien sind vorgegeben, jedoch nicht einfach zu decodieren. Die ursprüngliche Intention, der Lebensschrei des Individuums, kehrt sich um. Hier beginnt das Gebiet der Projektionen, Mutmaßungen. Denn um zu wissen, wie und ob die eigene Repräsentation in die Öffentlichkeit gelangt, scheint es natürlich, die Prämissen bzw. Funktionalismen der herrschenden Beobachtungskultur als gültig zu erfassen. Diese problematische Lage schlägt leicht in eine Unterstellung um, das dass, was gerade en vogue sein könnte oder als solches breitenwirksam ist, zu wiederholen bzw. vorauseilend vorwegzunehmen. Das sich darstellende, repräsentierende Individuum wird zum Rezipienten seiner Funktionalität, seiner repräsentierten, aber doch funktionalisierten Darstellung von sich selbst. Es wird der Wärter seines Gefängnisses. Da geht es nicht mehr um Content, sondern um Sichtbarkeit. Täglich eine Story über simpelste alltägliche Verrichtungen. Statt der eigenen individuellen Bedürftigkeit zu folgen, werden aufs peinlichste vermeintliche Beobachtungsmächte wie Magazine, Webportale etc. gelesen wie verfolgt. Hitzig werden neueste Moden im medialen Orkus verfolgt und der Haben-Wollen-Ich-Will-Auch-Jäger ist hiermit längst schon Verfolgter geworden. Man ist zum Stalker gegen die eigene Lebendigkeit mutiert. Und dann gibt es noch die, die sich verfolgt fühlen von ihrem Wahr-genommen-werden, das tatsächlich nicht stattfindet. Das sind die, die ihr Agieren auf einen vermeintlich von außen wahrgenommenen Wahrnehmungsgehalt richten, statt auf sich selbst. Der Punkt ist der, dass wir sicherlich mehr unter Beobachtung stehen, als dass wir der Ordnungen der Beobachtungen bzw. der Beobachtung der Ordnungen Herr sind. Es bleibt keine andere Wahl als auf die Paranoia der Beobachtbarkeit der Beobachtung zu verzichten und sich mit dem, was man hat – das ist nur das eigene kümmerliche Ich – in den repräsentativen Hunger hinein zu werfen. Die Entwicklung mannigfaltiger Vervielfältigungsmedien -und Kanäle fördert die algorithmische Erfasstheit der Bedürfnisse, also eine wiederverwertbare Gewissheit über verwertbare, an den Mann die Frau zu erbringende Angebote. Jede weitere technische Übersetzung, Umsetzung, Ableitung von privat gemeinter Kommunikation erhöht nicht nur den Durchsatz prüfbaren Kommunikationsmaterials, sondern ermöglicht die Durchsetzung des Rückkopplungseffektes jedweder Information zu den jeweiligen (technischen) Instanzen kontrollierender, d.h. selektierender Operations-Macht. Man kann kaum noch im Web unterwegs sein, ohne der Aufforderung nachzukommen, dem Sammeln und Ermitteln eigener Browser-Daten die Zustimmung zu erteilen. Je technisch abbildender die Kommunikation oder deren Darstellung eines Nutzers verwertet wird, desto zugänglicher ist sie der Kontrolle. Der Werbeslogan von Sony – „Egal, was Sie aufnehmen, Sie werden es nie vergessen“ – fühlt sich in diesem Zusammenhang wie eine Drohung an: Sollten sie es vergessen, sind wir für sie da, wir vergessen nichts, was auch immer sie tun.

Die Welt ist unique, universell, die Produktionsstätten parteilos – der Mord ist mit der richtigen Kamera gefilmt. Es wird werbend unterstellt, dass der technische Abbildungsapparat über die ästhetische Qualität der menschlichen Wahrnehmung entscheidet. Die Verschiebung der Erfahrung, des Ereignisses, des instant in die Cloud verwiesenen geschossenen Fotos zum omnipotenten digitalen Medium egalisiert den Erfahrungsstoff für alle Teilnehmenden. Die Gegenstände, Ereignisse werden technisch kompatibel zu weltweiter Verfügbar­keit geschliffen. Es kommt nicht darauf an, Informationen zu sammeln, sondern sie zu interpretieren. Die von Menschen geschaffnen Maschinen sind jetzt dazu in der Lage.

 


Selbstbeobachter / SELF-OBSERVER II (Auto-Pilot), Skizze zur Selbstbeobachtung, 2002, © Hans Georg Köhler, VG Bild-Kunst 2020

 

Die durchs Objektivieren in Objekte geteilte und zugerichtete Welt wird abermals durch unzählige Objektive der allgegenwärtigen Smartphones-Kameras mit geschossenen Foto-Objekten überformt. Das zu fotografie­rende Phänomen wird den technischen Möglichkeiten der Aufnahmeapparate angepasst, dadurch verändert und als Abbild beeinflusst es seine Wahrnehmungsweise. Wir näheren uns dem Phänomenen über vorgefertigte Abbilder. Dass die Ausschnittsuche im Sucher der Kamera als künstlerisch honoriertes Kriterium gilt, legt den technischen Zusammenhang zu unseren ästhetischen Erfahrungen offen. Künstlerische Komposition ist hier wesentlich der Objektivierung, der Kontrolle geschuldet, das Material zu bändigen. Der zu nutzende Beobachtungsapparat stülpt sich über den Beobachter und seinen Gegenstand gleichermaßen. Wir gucken wie die Maschinen, wir inkarnieren ihren Blick. Zum Selektions­käfig ist noch der Käfig des Selekteurs zu rechnen. Die durch Abbild-Maschinen beschleunigte Verdinglichung des Erfahrungsraums bremst die menschlich gegebene Wahrnehmungsphysiologie aus (Fotos bilden den Raum flach auf dem Papier ab).

 

 

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