289, Verschiebungen: Ich und Objekt
Das Verschieben des Ichs in den Wahrnehmungsraum seiner Objekte bzw. in den Objektraum seiner Wahrnehmung ist ein notwendiger Moment zur Ich-Bildung in der Beobachter-Existenz. Das, was external wahrgenommen, wird zum Ich-Material und führt zur eigenen Objektivität, zur Objektivation der Welt im Ich. Der alte Begriff dafür: Selbstbewusstsein. Das Selbstbewusstsein ist sich über die Bildung von Fremdheit zu sich durch die von ihm angetriebene Objektivation bewusst, im Klaren. Identität als Bewusstsein steter Differenzierung? – Identität als nichts weiteres betrachtet als die Entdeckung, dass die mir äußerlichen Objekte, als diejenigen, welche als mir äußerliche deshalb als Objekte bestimmt sind, zur Reichweite des Ichbezirks – des sich konstituierenden Selbst – gehören. Die als äußerlich erkannten Begriffe, Bestimmtheiten sind wesentlich Teil der Karosserie des Ich-Gefährts, nicht nur Arme und Beine. Die Rede vom Prothesen-Menschen unterschätzt die Wichtigkeit des stets mitgeschleppten – durch die Erfahrung gegangenen – Ich-Raumes.
Erst wo Gewalt herrscht, regrediert das menschliche Individuum. Die Instanz der Fehlbildungen, der Mangelerscheinungen, der Spaltungen – das durch seine stetigen Unterhöhlungen sich zum selbstbehaupteten Ich treibenden – drängt das jeweilig betroffene, sich auflösende Subjekt zur Realisation des psychischen Ich; es pathologisiert sich, indem die Welt „eine Scheibe hat“. Bei so vielen Feinden, erkannten Schwächen, unterstellten Fehlleistungen kommt es schwer über sich hinaus, d. h. es kommt nicht zu-sich, zu reflektierendem Selbstbewusstsein. Das zarte Ich wird von sich – seinen ureigenen Interessen – weg getrieben und wie freiwillig nimmt es Distanz zu sich, denn es will sich seinem Mangel nicht stellen: bis er zerreißt. Es scheint, dass im Exzeß, in der gewalttätigen Orgie das Opfer der Selbstbehauptung sich seiner Verfolger entledigen kann: seiner selbst, seinen Erwartungen gegen sich selbst. Im Kampf gegen die eigene Vernichtung entwickelt das entzweite Subjekt, das schon geschlagene, eine gedankliche (psychisch-geistige) Struktur, dieser Vernichtung zuvorzukommen: Paranoia. Die dem humanen Wesen unterstellte Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung a priori mündet in ein A Priori, das im Vorgriff zu machende Erfahrungen vernichtet. Die Antizipation von möglichen Gefahren blendet tatsächliche aus. Die Zukunft-Wissenden sind besonders gefährdet, in ihrem Zustand zu erstarren. Die gesellschaftliche Krise der Wissensverwaltung, die in der Rationalitätsverengung der Erkenntnis1vgl. in: Sozialforschung als Kritik: Zum sozialwissenschaftlichen Potential der Kritischen Theorie, hrsg. von Wolfgang Bonß und Axel Honneth, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1982, stw 400, Seite 46 zur Sprache kommt, äußert sich im Subjekt als Rationalitätsverengung durch Erkenntnis. Den Widerspruch zwischen Tatsachen- bzw. Erscheinungswissen und Begründungswissen erfährt das Subjekt nicht als dialektische Geburtswehe des Wirklichen, sondern vielmehr als Irritation, Verirrung, als ein Zuviel des Hin-und-Her – gänzlich ohne kontextuelle Einordnung. Dieses Subjekt verwirklicht sich noch auf seine Kosten, aber nicht mehr, indem es „insofern ist, als es Seiendes vernichtet“.2vgl. Alexandre Kojève, in: Materialien zu Hegels Phänomenologie des Geistes, stw 9, Seite 143. Hier der ganze Satz: „Der Mensch muß ein Leeres sein, ein Nichts, das nicht reines Nichts ist, sondern ein Etwas, das insofern ist, als es Seiendes vernichtet, um auf seine Kosten sich selbst zu verwirklichen und im Sein zu nichten. Der Mensch ist negierendes Tun, das das Daseiende verwandelt und in diesem Verwandeln sich selbst verwandelt.“
„Im Strom des Bewußtseins, der sonst gleichförmig abzulaufen schien, entstehen nunmehr Wellenberge und Wellentäler: Es bilden sich einzelne dynamisch betonte Inhalte, um die sich die übrigen gruppieren. Und damit ist erst der Boden für jene Zuordnungen bereitet, auf denen die Gewinnung irgendwelcher sprachlich-logischen >>Merkmale<< und auf denen die Zusammenfassung zu bestimmten Merkmalsgruppen beruht, ist erst die Grundlage gegeben, auf welcher die qualifizierende sprachliche Begriffsbildung sich aufbauen kann.
Schon in dem Übergang von den bloßen sinnlichen Erregungslauten zum Ruf bekundet sich diese allgemeine Richtung der Sprachbildung. Der Ruf kann, z. B. als Angst- oder Schmerzruf, noch ganz dem Kreise der bloßen Interjektion angehören; aber er bedeutet bereits mehr als dies, sobald sich in ihm nicht nur ein eben empfangener sinnlicher Eindruck im unmittelbaren Reflex nach außen wendet, sondern sobald er der Ausdruck einer Bestimmten und bewußten Zielrichtung des Willens ist. Denn das Bewußtsein steht alsdann nicht mehr im Zeichen der bloßen Reproduktion, sondern im Zeichen der Antizipation: Es verharrt nicht im Gegebenen und Gegenwärtigen, sondern greift auf die Vorstellung eines Künftigen über. Demgemäß begleitet jetzt der Laut nicht nur einen vorhandenen inneren Gefühls- und Erregungszustand, sondern er wirkt selbst als ein Motiv, das in das Geschehen eingreift. Die Veränderungen dieses Geschehens werden nicht lediglich bezeichnet, sondern im eigentlichen Sinne >>hervorgerufen<<.“3Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen. Ges. Werke, Hamburger Ausgabe, Band 11, Hrsg. Birgit Recki. Erster Teil: Die Sprache, Felix Meiner Verlag Hamburg: 2001, Seite 258
Verbirgt sich in der Beschreibung der Sprachentwicklung nicht auch die Beschreibung einer Epikrise? Sind die festgemachten Merkmale nicht schon Vorschüsse auf die nachfolgenden Symptome? Aus dem, woraus Sprache hervorgeht, droht sie zurückzufallen. Eine Schreien, jammern und Wimmern täglich in der S-Bahn. Was durch Angst einstmals etwas sprachlich machen half, zu Sprache reifte, ruft nun wieder bloße Angst hervor. Das Schreien ruft sich in die Angst herein, geht in eine Interjektion mit dem ursprünglichen Zustand ein, vor lauter Furcht. Sie schreien und hören sich nicht.
Das Opfern zugunsten ästhetischer Ausdrücke, die große künstlerische Geste (je nach Konstitution: fremdes, oder eigenes Material) soll dem psychotischen Ich („das entzweite Subjekt“) die Versicherung seines Seins als Seinsmächtigkeit über Anderes (Andere) gewähren. Die Manifestation der Negation hilft ihm zur Bejahung seines Daseins. – Terror als Individualisierungsprogramm?
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Das Ich scheint immer determiniert: Nie genug für kommende, zu leistende Erfahrungen. Der Schlund des Allgemeinen gibt das Einzelne preis, indem es vereinnahmt wird. Die Leistung des Ich liegt darin, den eigenen Vorgang der Unterdrückung und Verdauung als persönlich erlebten Nebel über seinem Leben zu erkennen. Die Speichelreste gesellschaftlicher Verallgemeinerungsmacht sind seine persönlich auszutragenden Wundmale.
Die Unmittelbarkeit der Macht/ Ohnmacht ist abstrakt: Die Totalität der Phänomene mir gegenüber wird in meine Schwäche zur Erklärungs-Totalität über Phänomene gemünzt. Einfache Erklärungen sind lukrativ. Das Laute trifft im Nachhinein auf taube Ohren.
Die Kunst kann den Rückzug aus den aufgegebenen Gebieten organisieren und gegen die Erkenntniswucht des Todes hinweghelfen.4„Der Erkenntnistrieb ist ein Todestrieb, und Kunst ist der Versuch, den Erkenntnistrieb zu betäuben.“ Heiner Müller, in: Jenseits der Nation. Rotbuch Verlag Berlin 1991, Seite 71
Artefakte als externalisierte Müllstationen. Schlacke des Funktionierens, was ein Brennen.
- 1vgl. in: Sozialforschung als Kritik: Zum sozialwissenschaftlichen Potential der Kritischen Theorie, hrsg. von Wolfgang Bonß und Axel Honneth, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1982, stw 400, Seite 46
- 2vgl. Alexandre Kojève, in: Materialien zu Hegels Phänomenologie des Geistes, stw 9, Seite 143. Hier der ganze Satz: „Der Mensch muß ein Leeres sein, ein Nichts, das nicht reines Nichts ist, sondern ein Etwas, das insofern ist, als es Seiendes vernichtet, um auf seine Kosten sich selbst zu verwirklichen und im Sein zu nichten. Der Mensch ist negierendes Tun, das das Daseiende verwandelt und in diesem Verwandeln sich selbst verwandelt.“
- 3Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen. Ges. Werke, Hamburger Ausgabe, Band 11, Hrsg. Birgit Recki. Erster Teil: Die Sprache, Felix Meiner Verlag Hamburg: 2001, Seite 258
- 4„Der Erkenntnistrieb ist ein Todestrieb, und Kunst ist der Versuch, den Erkenntnistrieb zu betäuben.“ Heiner Müller, in: Jenseits der Nation. Rotbuch Verlag Berlin 1991, Seite 71