211, Arbeit: Das schöne Objekt und die kaputte Natur

Der widerständige Vorgang des Ichs zur Welt, als ein Rückzug zum (künstlerischen) Menschen selbst gefasst, ist notwendig zu verteidigen und zu bestreiten. Das menschliche Bedürfnis nach natürlicher Anschauung fordert sich selbst heraus: Als Mensch selbst ein „Naturwesen“ zerstört in summa die menschliche Spezies die – also seine – Natur. Die Menschen provozieren den Bruch mit ihren naturhaften Kontexten, in denen sie sich vorfinden und abfinden müssen, indem sie sie und sich verbrauchen. Es ist der Widerspruch zwischen zerstörerischen Produktionsprozessen und den in ihnen hergestellten Produkten als versprochene Genüsse. Produktgegenstände scheinen so allgegenwärtig das menschliche Produzieren als Normalität zu spiegeln, dass andere Lebenszusammenhänge scheinbar außerhalb der Produktionspraxis stehen. Die Fratze des Begehrens hat das beworbene Produkt übernommen. Der Augenblick des Kaufs entschädigt für die Bewusstseinsstarre im Produktionsprozess. Das Schöne wird im Besitz korrumpiert und stellt darin eine Seite des menschlichen Verhältnisses zur Welt dar. Es ist klar, dass die Erzeugung von Gegenwart im Bemächtigungsapparat der kapitalistischen Produktion die Entwicklung des Neuen, Zukünftigen sich schubweise als Konservatives, Haltendes auszudrücken sucht. Die Fortschrittsfloskel der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft ist auf den Kampf um die Welt so wie sie ist – mit vorhandenen Produkten – eingeschränkt. Die Beschränkung auf das vorhandene Produkt-Glück führt zur Beherrschung oder Einschränkung der Beteiligten. Die produktive Beherrschung von Wirklichkeit, Menschen und der Natur kann nur mit der Beherrschung der Produktion durchgesetzt werden: Die auferlegte Beschränkung ist wieder in den Produkten der Produktion zu finden.

Die wechselseitige Begrenzung in den Strukturen und Funktionen der Lebensbereiche oder deren Auflösung durch das stetig drohende produktmächtige Unterbrechen, Auflösen oder durch das Arbeitsverhältnis bereitet den Boden, um aus dem wechselseitigen Verhältnis zwischen Gegenstand der Betrachtung (Produkt) und Betrachter einen Wechsel des Bewusstseins darüber herauszuziehen.1„Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterschei-den zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten.“ Karl Marx, in: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Vorwort, MEW Band 13, Dietz Verlag Berlin, Seite 9 Die Weltverhältnisse schlagen bis zum individuellen Arbeitsverhältnis durch. Alles hängt mit Allen zusammen. Jedes Produkt ist Ableitung von einem anderem. Wenn das bewusst ist, wird es schwer, sich in der jeweiligen Arbeits-Praxis noch selbstgefällig einzurichten. Der Entscheidungsraum des mit dieser Erkenntnis begabten Wesens wird sich vergrößern.
Dieser erarbeitete und durch Arbeit provozierte Entscheidungsraum ist ein Korrektiv zur bloßen physischen Lebensbewegung, verzögert den egoistischen Zufluss aufs menschliche Leben und setzt als Erkenntnis den auf das Produkt orientierten Verkehr in eine menschliche – ethische – Gangart um. Sei es der losgetretene Verrat gegen die Zeit, der Stillstand entzündet am Schönen, als eine menschliche Verzögerung zu sich selbst.
Das-durch-die-Orte-bewegt-werden in Autos, in virtuellen Internet-Räumen, durch technisch neue Ordnungen und Ortungen, Produkte, Produktionsweisen löst die bisherigen Erfahrungspunkte des Menschen auf.2Carl Schmitt, in: Theorie des Partisanen, Duncker & Humblot Berlin, Seite 71: „Ganz unabhängig von dem guten oder bösen Willen der Menschen von friedlichen oder kriegerischen Zwecken und Zielen, produziert jede Steigerung der menschlichen Technik neue Räume und unabsehbare Veränderungen der überkommenen Raumstrukturen… Der Satz „die Wohnung ist unverletzlich“ bewirkt heute, im Zeitalter der elektrischen Beleuchtung, der Ferngasversorgung, des Telefons, Radios und Fernsehens, eine ganz andere Art Hegung wie zur Zeit des King John und der Magna Charta von 1215, als der Schloßherr die Zugbrücke hochziehen konnte. An der technischen Steigerung menschlicher Effektivität zerbrechen ganze Normensysteme wie das Seekriegsrecht des 19. Jahrhunderts. Aus dem herrenlosen Meeresboden taucht der Raum, der vor der Küste liegt, das sogenannte Kontinentalschelf, als neuer Aktionsraum des Menschen auf. In den herrenlosen Tiefen des pazifischen Ozeans entstehen Bunker für Atom-Müll. Der industriell-technische Fortschritt verändert mit den Raumstrukturen auch die Raumordnungen. Denn das Recht ist die Einheit von Ordnung und Ortung, und das Problem des Partisanen ist das Problem des Verhältnisses von regulärem und irregulärem Kampf.“ Daran orientiert sich die Notwendigkeit der permanenten Veränderung des Widerstandsverhaltens. Es kann nur an den industriellen Standards bzw. Entwicklungen gemessen und verankert werden. Die Chance liegt also in der Kreation neuer Ordnungen und Ortungen, eigenmächtiger Erfahrungspunkte – ohne das sie die Gestalt warenförmiger Produkte annehmen. Das revolutionäre Reflektieren ist der Wahrnehmung näher als den Produkten. Die Philosophen können nicht die Welt verändern.

Der Anspruch auf ethisch-ästhetisches Verhalten – verlangsamt die Gegenwart zugunsten der Zukunft, bis man sie als Versprechen nicht mehr braucht, denn der Anspruch kann nur innerhalb gegenwärtigen Handelns gegen das gegenwärtige Verhältnisse gesetzt werden.