258 a, Jekyll und Hyde Konstrukt
Wenn die temporäre Überbrückung des Begehrens intellektuell nicht zu leisten ist (Sublimierung), kein kognitiver Ersatz erzeugt werden kann, wenn das Begehren droht, den Körper durch seine eigene Lust zu verhaften, wird die Arbeit an der Überwindung des Begehrens um so grausamer. Im Begehren selbst verbindet sich die körperliche Erfüllung mit körperlicher Auflösung. „Auslöschung, danke.“1McKenzie Wark, in: Raven, Merve Verlag Leipzig 2024, Seite 63
Im Zustandekommen der angestrebten Erfüllung ist der Begehrensvorgang – wenn auch kurzzeitig – abgeschlossen.2Sigmund Freud ging vom unendlichen Befriedigungserlebnis aus: „Der verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildung und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten >ungebändigt immer vorwärts dringt< (Mephisto im >>Faust<<, I, Studierzimmer). Der Weg nach rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die Widerstände, welche die Verdrängun-gen aufrechthalten, verlegt, und somit bleibt nichts anderes übrig, als in der anderen, noch freien Entwicklungsrichtung fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß abschließen und das Ziel erreichten zu können.“ In: Jenseits des Lustprinzips, Verlag Volk und Welt Berlin 1989 Von hier an scheint es möglich, zur Überwindung des Begehrten überzugehen. Sofern die Ersatzbefriedigungen nicht mehr ausreichen, werden die körperlichen Sprünge als Kompromissbildungen pathologisch fassbar und wachsen zu Symptomen aus. Auffällig ist die veränderte (umgekehrte) Bewertung der Zeitfolge bei denjenigen Sexualstraftätern, die das Trieb- oder Begehrensobjekt vernichten nach dessen Missbrauch, um das eigene Begehren ungeschehen zu machen (mit der nachträglichen Negierung des Objekts des Begehrens)? Sofern bei bestimmten Psychosen die Vergangenheit verdrängt wird, um die Gegenwart auszuhalten, sauber zu halten vom Staub des Gestern oder mit ihm erträglich zu gestalten, soll im pathologischen Zustand die Gegenwart verändert, vernichtet werden, um die Vergangenheit zu fixieren, so zu belassen, wie sie war. Was bei denen die verrückte Gegenwart, ist bei anderen irre Vergangenheit. Die Verwandlung von Mister Jekyll zu Mister Hyde (oder umgekehrt) ist so eigentlich eine (Zurück-)Verwandlung: Vom Mörder zum Arzt. In dem Sinne ist jeder seiner Auftritte als Arzt ein Heilen eigener Taten; wieder zusammenflickend, was er vorher aufgerissen. Er kämpft mit jedem seiner Opfer um das Ende seines Begehrens, schiebt seine Todesangst in den anderen Körper hinein, um sie mit Chirurgenbesteck wieder zu zunähen. Das Begehren zeigt sich in seiner auflösendensten Form: als Tötungsrausch, um – dann als Dr. Jekyll – wieder heilen zu können.
Ein Begehren, dessen Scheitern nicht aus dem Körper ausgetrieben, selbst nicht ausgehalten werden konnte, ist imstande, sich sein Bedürfnis mit Gewalt zu befriedigen: Mit der Verachtung des Lustobjekts wird die Gegenwart der Lust verhöhnt und befreit von Gelüsten – mit den verachtetenden Übergriffen am Begehrten selbst: Endlich Ruhe und keine Aufregung.
Begehren korrespondiert mit Furcht – das Begehren nimmt die schüchterne Seite des furchtsamen Subjekts ein (heimlich, subversiv, erst nur vorstellend treibt das begehrende Ich das Selbstbewusstsein des Körpers auf die Straße, den Strich). Das Wissen-Wollen, die Neugier an allem Lust-Einflößenden versucht die Überwindung des Furcht-Erregenden. Hinter der Furcht steht ein Begehren, welches die Furcht (-Erregung) braucht, an ihr sich entwickelt, um den final act der Lust zu suchen: Ihr endlich gegenüberzustehen. Die erlangte Erfahrung über die lustvollen Weltphänomene dient der Aufbewahrung des noch nicht erledigten Körpers der eigenen Lust. Endlich Macht und Gewissheit über den eigenen Körper zu erlangen – gegen die anderen (begehrten) Körper.
- 1McKenzie Wark, in: Raven, Merve Verlag Leipzig 2024, Seite 63
- 2Sigmund Freud ging vom unendlichen Befriedigungserlebnis aus: „Der verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildung und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten >ungebändigt immer vorwärts dringt< (Mephisto im >>Faust<<, I, Studierzimmer). Der Weg nach rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die Widerstände, welche die Verdrängun-gen aufrechthalten, verlegt, und somit bleibt nichts anderes übrig, als in der anderen, noch freien Entwicklungsrichtung fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß abschließen und das Ziel erreichten zu können.“ In: Jenseits des Lustprinzips, Verlag Volk und Welt Berlin 1989