254, Alles so bunt hier: Verunsicherung durch Vielheit

Fluten
Die phänomenalen Fluten schnelllebiger Ereignishaftigkeit – als Bilder, News, Farben, Reals, Storys sekündlich – wüten gegen ihre körperlich-ökonomische wahrnehmbare Eingrenzung, erschweren „klare“ Interpretationen bzw. abschließende Einordnung auf Seiten der von ihnen bedrängten Menschen.1 Es ist kein neues Phänomen: 1954 schreibt Helmut Schelsky in: Der Realitätsverlust der modernen Gesellschaft. In: Auf der Such nach Wirklichkeit, Aufsätze, Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf-Köln, 1965, Seite 395: „Mit der Herausbildung der organisatorischen Superstrukturen der bürokratisierten und industrialisierten Gesellschaft wurde der Mensch in seinen vitalen Interessen in immer weitreichendere und unübersichtlichere soziale Bezüge verflochten; er vermochte die immer abstrakter und anonymer werdende Umweltorganisation nicht mehr mit seinem persönlichen Erlebnis- und Erfahrungsbereich zu umfassen.“
Alles zu bunt und zu viel. Es entsteht eine „…Unfähigkeit, sich der anströmenden Eindrücke des unselektierten Möglichen zu erwehren.“2Vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst: Pathologie, Genese und Therapie. Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, Suhrkamp Frankfurt am Main 1996, Seite 117 Die Zerstreutheit als Buntheit der Welt missverstanden, all ihre zu vielen Details führen erst zur Belastung, dann zur Verunsicherung der von dieser Vielheit betroffenen, wahrnehmungsoffenen Menschen. „Die unerhörte Komplexität der Welt bedroht jeden, der sich um ein differenziertes Urteil bemüht, mit Handlungsunfähigkeit. Wollte er stets alle Fakten gewichten, alle möglichen Sichtweisen einbeziehen und jede denkbare Komplikation gedanklich vorwegnehmen, so würde er zwangsläufig gelähmt in seinem Bett liegen bleiben und jede Bewegung vermeiden müssen (was allerdings auch schon wieder fatale Folgen haben könnte).“3Fritz B. Simon, in: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich. Zur Selbtorganisation der Verrücktheit. Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 5. Auflage 1995, Seite 170 Der Musiker Bonaparte bringt es in seinem Stück „Too much too much too much…“ auf den Punkt.

Autistische Wege
Den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, ist dafür das oft zitierte Symptom. Inmitten phänomenaler Dichte und Simultanität und stetig auf den Wahrnehmungskörper eintreffende Begriffe, Brands und Botschaften konsumgieriger Jetzte, in der leeren Aktualität neuester Neuigkeiten, gefangen im Netz feuernder Synapsen, also in Landschaften schier bedingungsloser Möglichkeiten des Beeindruckt-Seins, wird der Prozess der Ununterscheidbarkeit aufgrund der (zu) hohen Ereignisdichte angetrieben. Der Wahrnehmungsgehalt ist bereits vor der organisch-nervalen Übersetzung symptomatisch, fördert Unsicherheiten, schließlich schlägt die physiologische Beanspruchung in psychologische Überreizung um. Es sind zu viele Bäume geworden, um noch Wald sehen zu können, um die Menge der Bäume zum Wald zu klassifizieren. Um dieser vibrierenden Schleife der Entscheidungsunmöglichkeit zu entgehen, entstehen psychische Entlastungsstrategien – eine Art Barrikade gegen die von ihnen wahrgenommene Überlastung. So mutmaßen wir, dass besonders autistisch und paranoisch eingestellte Menschen eine bedingte Vorliebe für klare, durch Anfang und Ende strukturierte, d. h.. formal kontrollierbare Annahmen haben; sie werden Kontrollfreaks genannt. Diese Art der Kontrolle reduziert die phänomenalen Elemente im Wahrnehmungsfeld: Es wird sauber gehalten. Auch dieses Kontroll-Verhalten ist ein Inter-Reagieren im kommunikativen Prozess zwischen Phänomen, wahrnehmenden Körper und zu haltenden Gleichgewicht.

Therapeutische Stabilisierung
Zur therapeutischen Stabilisierung von psychisch-sozial belasteten Menschen werden formal ungeübte Prozessschleifen des kommunikativen Handelns in Gang gesetzt: Sie werden geändert, neu gelernt, von ihrem Problem gelöst oder abgebrochen.4(„In der Praxis kann dies dann so aussehen, daß eine bestimmte Verhaltensweise, die Teil einer sich selbst erhaltenden Rückkopplungs-schleife ist, unterlassen oder verhindert wird, d.h., daß einfach etwas anderes als bisher getan wird. Auf diese Weise können vom Aufwand her minimale Variationen von Handlungen zu gravierenden Änderungen führen – etwas nicht zu tun, ist meist weniger teuer und leichter zu realisieren als eine >>Lösung<< zu finden.“ Fritz B. Simon, in: Innen- und Außenperspektive. Wie man systematisches Denken im Alltag nützen kann. In: Das Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus, Hrsg. Paul Watzlawick und Peter Krieg, Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 2. Auflage 2008, Seite 148-149 Wenn dies nicht gelingt, provozieren die kommunikativ-formal gesicherten – aber normativ abweichenden – Strukturen eine Verstärkerfunktion für formalistische Prozesse selbst. Diese formalisierten Prozessschleifen verstärken für diejenigen, die einen unregulierten, nicht kalkulierten, unbeobachteten Platz suchen, die psychotischen Annahmen aufgrund dieser formalisierten kommunikativen Verhältnisse. Es scheint eine Frage der bevorzugten bzw. abgelehnten Kommunikationsweise zu sein: Was für die einen als formal gesicherter Modus der Weltbegegnung die Probleme beseitigen hilft, die sie mit der Unübersichtlichkeit des Kommunizierens haben, ist für die anderen der Beginn des Problems – ein Gefängnis formaler Ordnungen/ Anweisungen.
Die Verrückten bereiten den Boden für das Verrücktsein der anderen: wenn die anderen in denselben Ring steigen oder aus ihm nicht heraus kommen. Verschwörungstechniker sind Widerstandskämpfer gegen das angstmachende Jetzt: das Jetzt gilt als Vorbereitung für die befürchtete Zukunft.
Paranoia: ständig im Begriff seiend, noch ungefürchteten, ungesteuerten, nicht verfolgten kalkulierten Platz zu suchen; den noch von der Konkurrenz frei gelassenen. Für die paranoid-konkurrenzgetriebene sich entwickelnde kapitalistische Gesellschaft verwandeln sich Phänomene – Prozesse, Zustände, Zusammenhänge – in symptomatische Annahmen, die neue Fluchtbewegungen bzw. Kontrollinstanzen animieren: selbsterfüllende Annahmen.


Videosnap aus MATRIX, © Lana und Lily Wachowski und © Warner Bros.

Der instabile psychische Zustand der Paranoiden ist das Spiegelbild der Furcht erfüllten, Angst besetzten und formale Prozesskalküle erzeugenden Gesellschaft. Die Angst, das Erschrecken des Kranken, die Sorge vor Beeinflussung, Unterwerfung, Kontrolle verschmilzt mit dem Impuls zu kontrollieren, zu unterwerfen… der strikten Steuerung (Beeinflussung), um sich von Kontrolle zu befreien.
Das ist die ungefähre Linie, auf der von einem bestimmten Punkt an die psychische Störung, als individuell erlebte Weise der Entfremdung von den Ereignissen aufhört, ein individuelles Krankheitsbild zu zeichnen. Die psychische Störung gleicht einem Spiegel, der mit den psychotischen Selbstbildern zerläuft, sich übers Ich stülpt, dann in es hineinfließt. Die gewählte Selfie-Welt überfällt das Ich und füllt es von innen aus. Der Mensch als verinnerlichtes Bild seines Spiegelbildes, das sich in ihm ergießt. Die Reflexion ist Berührung geworden. Von nun an kann der Selfie-Man sich als Berührtes und Berührter denken und verabreden mit seiner Wirklichkeit: seinem Spiegelbild.

Mit ausgemerzten Illusionen Bilder malen. Subjekt für sich zu sein, die Härte, den Dreck zu schmecken und sich allem Kindergeschrei und Vogelzug zu freuen. Tränen werden Perlen.

 

 

  • 1
    Es ist kein neues Phänomen: 1954 schreibt Helmut Schelsky in: Der Realitätsverlust der modernen Gesellschaft. In: Auf der Such nach Wirklichkeit, Aufsätze, Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf-Köln, 1965, Seite 395: „Mit der Herausbildung der organisatorischen Superstrukturen der bürokratisierten und industrialisierten Gesellschaft wurde der Mensch in seinen vitalen Interessen in immer weitreichendere und unübersichtlichere soziale Bezüge verflochten; er vermochte die immer abstrakter und anonymer werdende Umweltorganisation nicht mehr mit seinem persönlichen Erlebnis- und Erfahrungsbereich zu umfassen.“
  • 2
    Vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst: Pathologie, Genese und Therapie. Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, Suhrkamp Frankfurt am Main 1996, Seite 117
  • 3
    Fritz B. Simon, in: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich. Zur Selbtorganisation der Verrücktheit. Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 5. Auflage 1995, Seite 170
  • 4
    („In der Praxis kann dies dann so aussehen, daß eine bestimmte Verhaltensweise, die Teil einer sich selbst erhaltenden Rückkopplungs-schleife ist, unterlassen oder verhindert wird, d.h., daß einfach etwas anderes als bisher getan wird. Auf diese Weise können vom Aufwand her minimale Variationen von Handlungen zu gravierenden Änderungen führen – etwas nicht zu tun, ist meist weniger teuer und leichter zu realisieren als eine >>Lösung<< zu finden.“ Fritz B. Simon, in: Innen- und Außenperspektive. Wie man systematisches Denken im Alltag nützen kann. In: Das Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus, Hrsg. Paul Watzlawick und Peter Krieg, Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 2. Auflage 2008, Seite 148-149