250, Schwarz und Weiß: zwanghafte Entscheidung?

„Scharz oder Weiß“-Sehen: Es erleichtert durch starke Simplifizierung die Orientierung im Entscheidungsgestrüpp. Aus einer heterogenen Welt ist ein Sandkasten geworden: eingeteilt in Schwarz/ Weiß, Oben und Unten, Rechts und Links.

„Wenn der zwanghafte Mensch vor einer Entscheidung steht und sei sie noch so trivial, wird er typischerweise versuchen, eine Lösung zu finden, indem er irgendeine Regel, ein Prinzip [z. B.: Formale Regeln des goldenen Schnitts, Anmerkung von mir] oder eine äußere Erfordernis heranzieht [- unter die er sich stellen möchte, weil er die be-dienen kann], die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die „richtige“ Antwort liefert. Er wird also Mittel und Wege suchen [- das ist der kreative Aspekt von Formalisierungsprozessen], mit denen der Prozeß der Entscheidungsfindung in seinen üblichen Funktionsmodus eingepaßt wird. Kann er tatsächlich irgendein Prinzip oder Erfordernis finden, das auf die fragliche Situation anwendbar ist, verschwindet die Notwendigkeit einer Entscheidung als solche, das heißt, sie wird transformiert in das rein technische Problem der richtigen Anwendung des richtigen Prinzips.“1David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht 1991, Seite 53. Zum Begriff der Entscheidungsfindung besonders das Kapitel „Der Modus der Aktivität und die generelle Verzerrung des Autonomieerlebens“, ebenda, Seite 38 bis 55
Die herausgeschälten formalen Dogmen sind Kompensationen des Zweifels.
„Ohne Zweifel sind die Zwänge und Direktiven, mit denen der Zwanghafte lebt, für ihn eine gewisse Belastung, aber gleichzeitig sind sie ihm autoritative Wegweiser. Sie bieten einen Rahmen, innerhalb dessen er vergleichsweise gut zurechtkommen kann und ohne den er sich extrem unwohl fühlt. Am wohlsten fühlen sich viele dieser Menschen bei der Arbeit, weil sie dort ihre eigenen kleinen Nischen und Domänen haben, innerhalb derer sie sich der Erfüllung ihrer angestammten und von höheren Autoritäten festgelegten Pflichten widmen können. Wenn sie Entscheidungen treffen müssen, dann rein formale – die beste Gewähr, Fristen einhalten und Erwartungen auch erfüllen zu können. Befriedigung bedeutet für sie nicht, entscheiden zu können und sich frei zu fühlen, sondern einen Auftrag in der vorgegebenen Zeit zu erfüllen, die Autorität vorübergehend erfreut zu haben und, oft, die Befriedigung, die in einer hoch entwickelten formalen Virtuosität und Erfindungsgabe liegt.“2David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht 1991, Seite 48